Woche 4: Mitgefühl

Eure Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest. Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern. Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung. Lasst nicht nach in eurem Eifer. Lasst euch vom Geist anstecken und dient dem Herrn. Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten. Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind. Seid jederzeit gastfreundlich. Segnet die Menschen, die euch verfolgen. Segnet sie und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden. (Römer 12,9–15 in der Übersetzung der Basisbibel.)
Domenic Driessen

Hier vorgelesen von Helge Heynold.

Liebe Mitfühlende,

wem galt Ihr Mitgefühl in der zurückliegenden Woche besonders? Den Menschen, die Schutz vor Raketen und Drohnen suchen? Denen, die ihre Häuser und ihre Heimat verlieren? Denen, die hungern und dürsten? Haben Sie vielleicht einen Menschen in Ihrer Nähe, dem Ihr Mitgefühl gerade besonders gilt? Ich bin mir sicher, dass Sie alle mit anderen mitfühlen. Ich bin der Überzeugung, dass wir Menschen so gedacht sind, dass wir automatisch mitfühlen mit anderen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir hinter diesem So-gemeint-Sein einen göttlichen Willen erkennen oder einen evolutionären. Wir Menschen kümmern uns. Wir sind keine einsamen Wölfe, keine Einzelkämpfer. Immer wieder werden archäologische Funde gemacht, die zeigen, dass die Menschheit seit Urzeiten gebrochene Knochen ihrer Artgenossen schiente. Das ist eine enorme soziale Leistung. Knochenbrüche heilen nur langsam. Ein Mensch, dessen Bruch geschient wurde, braucht lange Zeit Hilfe und Pflege.

Wir kümmern uns umeinander, wir haben Mitgefühl. Forschungen haben ergeben, dass diese Eigenschaft sowohl angeboren ist als auch erworben. Wir haben also einerseits die Veranlagung, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, andererseits müssen wir das auch üben. Vor allem, wenn es darum geht, eine Perspektive von jemandem zu übernehmen, der oder die uns nicht unmittelbar nah ist, braucht es dieses Training.

Vielleicht war Paulus ähnlicher Ansicht, als er an die Gemeinde in Rom schrieb: „Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.“ Gerade wenn man sich anschaut, in welchem Zusammenhang diese Sätze stehen, erscheint die Aufforderung tatsächlich wie ein Aufruf zum Üben und wenig spektakulär. Über all den Aufforderungen, die Paulus hier zusammenstellt, steht die Überschrift: „Eure Liebe soll aufrichtig sein.“ Dann folgen Forderungen, zu denen alle, die es lesen, erst einmal sagen können: „Ja, recht hast du, Paulus. Das sind gute Forderungen. Das motiviert uns. Wir sollten einander tatsächlich von Herzen lieben. Und ja, wir haben schließlich Gottes Geist in unserer Mitte, wir haben Hoffnung. Lasst uns einander helfen und miteinander beten. Ja, übertreffen wir einander darin, uns gegenseitig wertzuschätzen. Ja, weinen wir mit denen, die traurig sind. Lachen wir mit denen, die fröhlich sind. Es sei uns nicht egal!“ Natürlich sind es letztlich große Anforderungen, die Paulus da an die Leute in Rom stellt, aber sie haben etwas, das es einfach macht, zuzustimmen.

Ich glaube, das Geheimnis dieser Liste ist ihre Überschrift: „Eure Liebe soll aufrichtig sein.“ Das ist tatsächlich etwas, das wir uns alle von Herzen wünschen, dass eine echte, eine aufrichtige Liebe dahintersteckt, wenn man gut miteinander umgeht. Nicht Normen oder Vorschriften bestimmen, dass wir miteinander gut umgehen, sondern aufrichtige Liebe zueinander. Das macht es nicht zuletzt für diejenigen leichter, die die Hilfe annehmen sollen. Sie spüren diese Zuneigung und so fällt es ihnen leichter, die Hilfe anzunehmen. Trotzdem sehe ich ein Problem in diesem Ansatz. Wenn ich zunächst aufrichtige Liebe empfinden muss, damit ich mich um andere kümmere, kann es geschehen, dass mein Mitgefühl und meine Hilfsbereitschaft sehr kleine Kreise ziehen. Darum müssen wir einmal schauen, was Paulus hier mit Liebe meint.

Wenn Paulus von Liebe spricht, geht es ihm meist nicht um ein liebevolles Gefühl zu einem anderen Menschen, sondern mehr um eine Haltung. Aufrichtige Liebe zeichnet sich also weniger dadurch aus, dass man diese Liebe zutiefst empfindet, sondern vielmehr dadurch, dass man in dieser Haltung bleibt. So eine Haltung könnte man auch als „Anständigkeit“ bezeichnen. Ich weiß, dieses Wort klingt etwas verstaubt und vielleicht auch zu wenig nach Aufrichtigkeit, eher wie eine elterliche Ermahnung aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Es ist eine Norm, sicherlich, aber nach jeder Norm kann man sich auch freiwillig richten. Ich möchte den anständigen Umgang miteinander aus dem Regal nehmen, ihn abstauben und aufpolieren. Ich möchte ihm die Liebe einhauchen, die Paulus meint.

Geht anständig miteinander um. Lasst euch davon leiten. Ihr spürt es doch selbst, was gut und richtig ist. Wenn da jemand weint, lacht nicht darüber. Wenn da jemand fröhlich ist, fragt nach dem Anlass, damit ihr euch mitfreuen könnt. Haltet einander die Tür auf. Hupt nicht aus Ärger! Nutzt gendergerechte Sprache, weil es eben anständig ist, niemanden auszulassen. Liebt es, euren Gästen das Beste aufzutischen, das ihr gerade im Haus habt. Grüßt freundlich zurück, wenn ihr gegrüßt werdet. Lasst das N-Wort! Bedankt euch, wenn euch jemand den eigenen Platz in der Bahn anbietet. Bleibt in eurer Liebe anständig. Verbreitet keine Fake News. Tut all das, weil ihr es spürt, dass es das Richtige ist.

So weit der Beginn meiner Liste. Nun kommen Sie. Hier ist die Wochenaufgabe: Schreiben Sie auf, was Sie für einen anständigen Umgang miteinander erachten. Was macht uns den Umgang miteinander leichter? Was entspricht unserer Natur, uns umeinander zu kümmern? Wenn Sie mögen, schicken Sie mir Ihre Liste per E-Mail an anstaendig@muchlinsky.de.

Ich wünsche Ihnen eine sehr gute Woche. Bleiben Sie anständig!

Ihr Frank Muchlinsky