7. Woche: Furcht und große Freude

Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude. (Matthäus 28,5–8a aus der Lutherbibel von 2017)
Rosa Merk

Hören Sie den Text im Zusammenhang und in der Übersetzung der Basisbibel hier vorgelesen von Helge Heynold.

Liebe Menschen mitten in der Zeitenwende,

ich schreibe diesen Gruß an Sie mit etwas müden Augen. Es ist früh am Morgen, und die Zeitumstellung habe ich noch nicht ganz verkraftet. Aber es gehört ja schon lange zu unserem Jahreslauf dazu, dass wir im Frühling auf einmal eine Stunde früher aufstehen müssen. Eine Zeiten-hin-und-her-Wende sozusagen, denn im Herbst bekommen wir die Stunde ja wieder zurück. Der Frühlingsbeginn ist in vielerlei Hinsicht mit Anstrengungen verbunden, die wir aber häufig gern auf uns nehmen. Die Wohnung mal ordentlich aufräumen und frühlingssauber machen, auf das Fahrrad steigen, wo wir vorher das Auto oder den Bus nahmen. Nicht zu vergessen die Anstrengung, die Gärten wieder instand zu setzen. Diese Mühen nehmen wir, wie erwähnt, in der Regel gern auf uns. Wir spüren eben, dass es heller wird und wärmer. Wir merken, wie das Leben wieder zurückkehrt.

Dabei stimmt das ja nur bedingt. Das Leben war ja nicht wirklich fort. Es hatte sich lediglich nach innen gewendet, hatte langsamer geatmet, hatte von dem gezehrt, was vorher gewachsen war. Aber es fühlt sich nun einmal so an und darum sagen wir es gern so: Das Leben kehrt zurück. Dieser Satz passt ja auch gut zu Ostern, und so ist es kein Wunder, dass Blüten und Eier und Hasen und das leere Grab Jesu eine bunte Verbindung eingehen. So fällt es manchmal schwer, die Woche vor Ostern noch einmal ganz anders zu feiern als mit sprühender Lebensfreude, wenn doch ringsum bereits Frühling ist. Aber natürlich kann das Leben nur dann „zurückkehren“, wenn es vorher fort war.

Es ist gut, dass wir das nicht vergessen. Es ist gut, dass die Christenheit Karfreitag begeht, bevor wir Ostern feiern. Karfreitag ist so etwas wie der ganze dunkle Winter noch einmal konzentriert. Wie ein Brühwürfel aus Bitterkeit, Dunkel und Trauer. Es ist angemessen, einmal absichtlich ganz nach unten zu schauen, bevor man in den Himmel blickt. Wer immer nur Halleluja singt, vergisst leicht, was der Anlass zum Freuen tatsächlich ist. Gott hat sich in Jesus so sehr den Menschen zugewendet, dass er auch all das erlebte, was unser Menschsein schrecklich machen kann: Enttäuschungen, Spott, Schmerzen, sogar Folter und Tod. Bei 7 Wochen Ohne erlauben wir uns bereits in der Karwoche einen Blick auf das, was danach kommt. Das geht dem Kirchenjahr ein wenig gegen den Strich und auch einigen Menschen, die es sehr ernst meinen mit der richtigen Reihenfolge. Sollten Sie zu diesen Leuten gehören, empfehle ich Ihnen: Lesen Sie erst am Ostersonntag weiter. Wir riskieren bereits jetzt gemeinsam einen Blick in das leere Grab an dem Tag, an dem das Leben zurückkehrt.

Zwei Frauen kommen dahin, wo Jesus hingelegt wurde, nachdem er am Kreuz gestorben war. Sie wollen nach dem Grab sehen, als plötzlich die Erde bebt. Ein leuchtend heller Engel wälzt den Stein weg, der vor dem Grab liegt. Die Wachen, die man vor dem Grab postiert hatte, fallen wie tot zu Boden, als der Engel die beiden Frauen anspricht: „Fürchtet euch nicht!“ Er erzählt ihnen, dass Jesus auferstanden ist. Er zeigt ihnen die Stelle, wo der Tote gelegen hat. Dann beauftragt er die Frauen, all das den Jüngern zu erzählen. Und nun kommt der Satz, der für uns in dieser Woche ausgesucht wurde: Sie gingen weg „mit Furcht und großer Freude“. Darüber kann man durchaus stolpern. Warum fürchten die beiden sich noch? Jesus lebt! Gut, ihnen ist ein leuchtender Engel erschienen, sie haben ein Erdbeben erlebt und eine unglaubliche Botschaft gehört, aber eigentlich ist doch jetzt alles gut. Halleluja! Aber es ist natürlich nicht alles gut – auch nicht an diesem allerersten Ostermorgen. Für Furcht gibt es immer einen Grund.

Das Leben ist zurück, und mit ihm außer der Freude eben auch alles andere, was das Leben ausmacht. Die Toten ruhen in Frieden, die Lebenden sind bedroht. Wenn im Frühling „das Leben zurückkehrt“, beginnt der Konkurrenzkampf – um den hellsten Platz auf dem Waldboden, um die besten Nistplätze, die fetteste Beute. Das neu Geborene ist besonders bedroht. Leben bringt immer Unsicherheit und Furcht mit sich, auch zu Ostern. Aber eines hat sich geändert: Die Angst vor dem Nichtsein ist fort. Das Leben bleibt bedrohlich, aber nicht der Tod. Jesus war dort, von woher niemand zurückkommt, und er ist zurück. Gott hat das Nichtsein zu einem Anders-Sein gemacht. Der Tod ist nicht Auslöschung, sondern ein Winter, in dem Leben anders läuft, bis es wieder Frühling wird. Unsere Furcht sollte darum dem Leben gelten. Um das Leben müssen wir uns kümmern, damit es nicht zu Leid und Schmerz wird. Machen wir das Beste aus unserer Furcht: Sorgen wir dafür, dass es im Leben genügend Gründe zur Freude gibt. Das sei unsere Wochenaufgabe diesmal. Und unsere Lebensaufgabe dazu.

Machen Sie es gut! Bleiben Sie gefühlvoll, vermeiden Sie Härte, wo es geht. Ich verabschiede mich mit großem Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Es sind Hunderte von Liedvorschlägen von Ihnen eingegangen für Musik gegen böse Geister. Wir haben sie in drei große Playlists verwandelt, die Sie hier finden können. Klicken Sie sich hinein und genießen Sie die vielen Stunden wunderbarer Musik.

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Alles erdenklich Gute für Sie.

Ihr Frank Muchlinsky