Woche 3: Verletzlichkeit

Jesus und seine Jünger kamen zu einem Garten, der Getsemani hieß. Dort sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Bleibt hier sitzen, während ich bete.“ Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Plötzlich überfielen ihn Angst und Schrecken, und er sagte zu ihnen: „Ich bin verzweifelt und voller Todesangst. Wartet hier und bleibt wach.“ Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter. Dort warf er sich zu Boden. Er bat Gott darum, ihm diese schwere Stunde zu ersparen, wenn es möglich wäre. Er sagte: „Abba, mein Vater, für dich ist alles möglich. Nimm doch diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss! Aber nicht das, was ich will, soll geschehen – sondern das, was du willst!“ Jesus kam zu den drei Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: „Simon, du schläfst? Konntest du nicht diese eine Stunde wach bleiben? Bleibt wach und betet, damit ihr die kommende Prüfung besteht! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.“
Markus 14,32–38
Nils Böddingmeier

Hier vorgelesen von Helge Heynold

Liebe Gefühlsempfangsbereite,

sicherlich kennen Sie diesen Moment: Sie sind an einem Ort, den Sie in- und auswendig kennen, und auf einmal entdecken Sie doch etwas Neues. Vielleicht, weil sich tatsächlich etwas verändert hat. Eine neue Blume ist aus der Erde gesprossen, jemand hat Ihren Lieblingsbecher an eine andere Stelle im Schrank geräumt, oder ein Wasserfleck hat sich an Ihrer Wand gebildet. Manchmal entdeckt man aber auch etwas Neues, ohne dass sich etwas verändert hat. Beim erneuten Lesen von Büchern kann das passieren. Man liest eine Passage und entdeckt plötzlich einen Zusammenhang, den man bislang übersehen hatte. Das ist nicht verwunderlich. Wer einen Krimi zum ersten Mal liest, wird vermutlich vor allem die Lösung des Falles im Fokus haben. Da fallen literarische Feinheiten nicht so leicht ins Auge. Dabei können wir in der Regel davon ausgehen, dass diese Texte wohl komponiert sind. Ich plädiere darum dafür, Bücher und überhaupt Texte mehrfach zu lesen. Einmal, um den Inhalt zu verstehen, und noch einmal, um sich auf die Suche zu machen nach den Schönheiten und Besonderheiten, die man beim ersten Lesen eventuell übersehen hat.

Wer regelmäßig in der Bibel liest, sollte sich diesen Blick besonders aneignen: Suche nach Neuem, entdecke etwas, das du noch nie zuvor gesehen oder bedacht hast. Wer sich biblischen Texten auf diese Weise nähert, vermeidet den fundamentalen Fehler, vor der Lektüre bereits zu meinen, man wisse ja eh, was der Text will. In dieser Woche ist für uns ein Text ausgesucht worden, der sehr bekannt ist. Es stecken sogar geflügelte Worte darin. In der Übersetzung der Basisbibel sind sie ein wenig verborgen, aber durchaus noch erkennbar: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ und „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“. So übersetzt Luther diese Sätze. Auch wenn man diese Sätze vielleicht nicht selbst nutzt, kann man sie in vielen Situationen hören, die nichts mehr mit der Bibel zu tun haben müssen. Wer etwas Beschwerliches vor sich hat, bittet um den vorübergehenden Kelch, wer wohl weiß, dass etwas getan werden muss, sich aber gerade kraftlos fühlt, redet vielleicht vom willigen Geist und dem schwachen Fleisch.

Der Text ist also voll mit Bekannten. Auch dass Jesus in diesen Garten geht und dort vor seiner Verhaftung betet, weiß man vielleicht bereits. Umso wichtiger erscheint es mir, etwas zu finden, das neu aufmerksam macht. Ich hatte Glück. Ich habe etwas gefunden, das mir bislang entgangen war. Ich rede davon, dass Jesus, als er in den Garten geht, die meisten seiner Jünger zurücklässt und dann genau die drei Leute mitnimmt, die er auf den Berg mitnahm, auf dem er „verklärt“ wurde. Petrus, Johannes und Jakobus scheinen genau die Richtigen für Extremsituationen zu sein. Auf dem Gipfel des Berges war die Stimmung wahrhaft himmelhoch jauchzend, an diesem Abend im Garten ist Jesus zu Tode betrübt. Und interessanterweise machen die drei ausgewählten Jünger in beiden Szenen keinen guten Eindruck. Auf dem Berg sind sie schlicht überfordert von dem, was sie sehen: Jesus in Schneeweiß, dazu erscheinen Mose und Elija. Petrus fällt nichts Besseres ein, als Jesus anzubieten, für sie da oben Hütten zu bauen (Markus 9,2–10). Und an diesem Abend schlafen sie ein. Jesus bittet sie ausdrücklich, wach zu bleiben. Er erklärt ihnen seine Gefühlslage, aber sie können die Augen nicht offen halten. Jesus ist nur ein paar Schritte entfernt und betet in Todesangst, aber seine drei anscheinend allerengsten Freunde werden vom Schlaf überwältigt. Oder ist es vielleicht gerade die Tatsache, dass Jesus solche Angst und Not hat, dass sie lieber die Augen zumachen und ganz woanders sein möchten?

Es ist nicht einfach, damit umzugehen, wenn Menschen, denen man nahesteht, Extremes erleben und alle von großen Gefühlen gepackt werden. Bei übermäßig angenehmen Anlässen neigen wir dazu, über die Stränge zu schlagen. In extrem traurigen Momenten ergreifen wir lieber die Flucht. Hätten sie aushalten können, dass Jesus so niedergeschlagen und verwundbar ist? Oder hätte nicht Jesus solche Leute auswählen können, die dem gewachsen sind? Nun, er wählte sich genau diese drei hier aus, und ich gehe davon aus, dass er wusste, was er tat. Die drei sind eben keine Elite, sie sind so schwach und so stark, so mutig und so feige wie alle. Und im Angesicht großer Gefühle werden sie genauso unsicher wie wir.

Da wir uns ja im Training befinden, lassen Sie uns das zum Anlass für unsere nächste Wochenaufgabe nehmen. Üben wir, große Gefühle anderer auszuhalten. Trainieren wir, nicht wegzulaufen, wenn sich jemand Geliebtes klein und verletzlich zeigt. Lassen wir dieser Person so viel Abstand, wie sie gerade benötigt. Vielleicht will sie – wie Jesus – ein paar Schritte weit weg sein von uns. Missverstehen wir das aber nicht als Erlaubnis, dass wir uns selbst entfernen. Flüchten wir nicht, sondern warten wir. Halten wir Wache, während jemand Zeit für sich braucht, für den eigenen Schmerz, die eigene Angst. Stehen wir bereit, wenn wir direkt gebraucht werden.

Konkreter möchte ich heute nicht werden. Sie werden eine Situation finden, in der diese Art von Zuwendung von Ihnen gefordert ist. Bleiben Sie wachsam.

Herzliche Grüße und eine gute Woche wünsche ich Ihnen.

Ihr Frank Muchlinsky

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