Lukas 10,25–30 aus der Basisbibel.
Hier können Sie den vollständigen Abschnitt anhören, gelesen von Helge Heynold in unserer Ohrenweide.
Liebe Härtefastende, immer noch oder wieder dabei,
wissen Sie, was meine liebste Form der Rede ist? Natürlich wissen Sie das nicht, darum verrate ich es Ihnen: Es ist die Frage. Fragen sind grandiose Formulierungen. Sie können zum Beispiel Aufmerksamkeit erzeugen – zumindest sollte das meine einleitende Frage an Sie tun. Das kennen Sie ganz bestimmt. Kinder sind Frageprofis. Sie nutzen diese Art des Fragens virtuos: „Duhu? Weißt du wahas?“ ist eine indirekte, aber wirksame Aufforderung, der fragenden Person die eigene Aufmerksamkeit zu schenken. Oft folgt dann eine weitere Frage, die ebenfalls eine Aufforderung ist: „Was denn?“ Diese winzige Konversation könnte sich auch in direkter abspielen: „Hör mal, ich möchte dir etwas sagen.“ „Sag.“ Trotzdem wählen wir gern die Frage, und das hat seinen Grund: Fragen haben mit Interesse zu tun, mit Neugier. Wenn wir etwas erzählen, wünschen wir uns diese aufmerksame und neugierige Haltung von den Zuhörenden.
Freilich sind nur solche Fragen mit Interesse verbunden, die eine tatsächliche Antwort erwarten. Nur weil ein Satz mit einem Fragewort beginnt, bedeutet das noch lange nicht, dass man an einer Antwort interessiert ist. Zum Beispiel ist „Wer soll das bezahlen“ ein Ausruf, ein Vorwurf. Wer so etwas sagt, möchte in der Regel ausdrücken: „Du hast nicht bis zu Ende nachgedacht. Deine Idee ist darum dumm.“ Wenn ich solche rhetorischen Fragen aufschreibe, schwanke ich immer zwischen einem Fragezeichen und einem Ausrufezeichen am Ende des Satzes. (Korrekt ist übrigens beides, Ausrufezeichen und/oder Fragezeichen. Das habe ich mir von unseren Sprachexperten vom DAKS (Dokumentation, Archiv, Korrektorat und Schlussredaktion) bei uns im Hause versichern lassen. An dieser Stelle bedanke ich mich einmal herzlich öffentlich für eure Arbeit, die meine Briefe immer so wundervoll in Ordnung bringt.)
Fragen können also sehr viel Verschiedenes bewirken. Sie können neugierig machen, eigenes Interesse ausdrücken oder auch abwehren und Diskussionen beenden. Meine Liebe zur Frage geht auf ihre ursprüngliche Absicht zurück: Ich habe Interesse an etwas, darum frage ich. Wie geht es dir? Warum stoßen Bienen beim Fliegen im Schwarm nicht ständig zusammen? Seit wann gibt es Zeit? Warum hat Gott den Baum der Erkenntnis ausgerechnet in die Mitte des Gartens Eden gepflanzt? Wie gehen wir am besten mit Menschen um, die anderen Gewalt angetan haben? Was geschieht nach dem Tod?
Diese Frage wurde zur Zeit Jesu und in seiner Umgebung kontrovers und rege diskutiert. Gott verheißt allen Leben, die sich an seine Gebote halten, darin ist man sich einig. Doch endet dieses Leben mit dem letzten Atemzug? Oder verspricht Gott ein Leben, das ewig ist? Verschiedene religiöse Gruppen unterscheiden sich gerade in diesem Punkt voneinander. Während die Sadduzäer die Ansicht vertreten, dass es keine Auferstehung von den Toten geben wird, weil davon in der Tora nicht die Rede ist, legen die Pharisäer die Schrift so aus, dass es durchaus eine Auferstehung gibt. Eine Entscheidung für die eine oder andere Antwort hat Konsequenzen, denn wenn Gott ein Leben nach dem Tod verheißt, wird es umso wichtiger, wie man sich im Leben verhält. Die Konsequenzen werden schließlich ewig, und es könnte sein, dass nicht alle dieses ewige Leben bekommen. Was muss man also tun?
Es ist also kein Wunder, wenn Jesus von einem Schriftgelehrten die Frage gestellt bekommt: „Lehrer, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“ Im Lukasevangelium heißt es dazu, dass er Jesus damit auf die Probe stellen wollte, aber Jesus reagiert in keiner Weise, als würde er sich durch die Frage angegriffen fühlen. Stattdessen stellt er nun selbst eine Frage: „Was steht im Gesetz, in der Tora? Was liest du da?“ Das ist schon wieder eine spannende Art und Weise, eine Frage zu nutzen. Jesus beantwortet eine Frage mit einer Gegenfrage. Das mögen wir in der Regel nicht so gern. Es erscheint ausweichend. Aber in diesem Fall ist es angemessen. Jesus wurde als Lehrer angesprochen und antwortet entsprechend. Als Lehrer kann er sein Gegenüber lehren, und das geht besonders gut, wenn man den Lernenden Fragen stellt, die sie selbst auf die Lösung kommen lassen. Und so geht es auch weiter. Der Schriftgelehrte zeigt, dass er sich in der Tora auskennt und nennt nicht nur das wichtigste Gebot von allen: „Liebe Gott von ganzem Herzen.“ Zusätzlich zitiert er noch einen zweiten Teil, der das Liebesgebot erst komplett macht: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“
Jesus ist zufrieden mit den Antworten und sagt ihm das: „Halte dich daran und du wirst leben.“ Dieser Satz löst aber etwas in dem Schriftgelehrten aus. Er will sich „verteidigen“. Warum hat er den Eindruck, dass er sich verteidigen muss? Vielleicht hat er die Art, in der Jesus mit ihm redete, als allzu „lehrerhaft“ empfunden. Vielleicht denkt er, Jesus hält seine Frage für dumm, weil die Antwort so auf der Hand lag? Das könnte schon sein. Darum fragt er nach: „Wer ist denn mein Mitmensch?“ Aber Jesus macht dem Schriftgelehrten gleich deutlich, dass der keineswegs eine dumme Frage gestellt hat. Anstatt die Frage zu kritisieren, erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Und die beendet er wieder mit einer Frage: „Was meinst du: Wer von den dreien ist dem Mann, der von den Räubern überfallen wurde, als Mitmensch begegnet?“ Wieder darf der Schriftgelehrte selbst die Antwort geben. Und diesmal scheint auch er zufrieden zu sein.
Wochenaufgabe: Achten Sie auf Ihre Fragen. Halten Sie kurz inne, wenn Sie merken, dass Sie eine Frage formuliert haben. Fragen Sie sich dann selbst, wie viel Interesse in Ihrer Frage steckt. Möchten Sie etwas erfahren? Oder einfach etwas loswerden? Vor allem, wenn Sie dabei entdecken, dass Sie eine Frage mit einer Gegenfrage erwidern: Was ist Ihre Intention dabei? Ich denke, es liegt viel Segen darin, sich selbst beim Reden zuzuhören. Und beim Fragen erst recht.
Eine gute Woche Ihnen allen!
Ihr Frank Muchlinsky
PS: Ich wage wieder, an Ihre Großzügigkeit zu appellieren. Es geht um die Ohrenweide, unseren täglichen Podcast mit kurzen Texten, vorgelesen von Helge Heynold. Dieses Hörgeschenk machen wir seit mittlerweile fast sieben Jahren und über 2100 Folgen. Helge Heynold startete dieses Angebot mit evangelisch.de zunächst vollkommen ehrenamtlich, weil er Menschen während der Pandemie etwas Gutes tun wollte. Der Podcast war schnell erfolgreich und verursacht natürlich Kosten. Wir möchten einerseits einen professionellen Schnitt, damit die Folgen entsprechend gut klingen, außerdem möchten wir unserem Sprecher ein Honorar für sein Engagement zahlen. Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, abonnieren Sie den kostenlosen Podcast auf den entsprechenden Plattformen. Und wenn Sie uns finanziell helfen möchten, spenden Sie für die Ohrenweide unter diesem Link. Vielen Dank.