2. Woche: Weite

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Psalm 31,8–9 aus der Lutherbibel von 2017
China Hopson

Bevor Sie weiterlesen, hören Sie sich einmal an, wie Helge Heynold Psalm 31,1–9 vorliest. Es lohnt sich.

Liebe Gefühlsbereite,

seit einiger Zeit vertrete ich lauthals die Auffassung, dass es nichts gibt, was der Bibel fremd wäre, vielleicht einmal abgesehen von wissenschaftlichen und technischen Neuerungen. Was uns Menschen und unser Leben ausmacht, was uns beschäftigt, was uns Angst macht und erfreut – alles findet sich in diesem Buch. Komprimiert wird diese unglaubliche Vielfalt in den Psalmen. Da wird gebangt und gefleht, gejubelt, verzweifelt und gehofft. Häufig passiert all das in einem einzigen Psalm. Der 31. Psalm ist solch einer, in dem auf Dankbarkeit direkt ein Hilfeschrei folgt. Die Gefühle, die in den Psalmen benannt werden, sind zum Teil so heftig, dass sie uns beim bloßen Lesen erschrecken können: „Ich hasse sie!“ (Vers 7) ist ein häufig geäußerter Satz.

Oft werden Empfindungen in den Psalmen mit sprachlichen Bildern ausgedrückt. Die machen die Gefühle teils noch größer. Wenn jemand nicht einfach sagt, ich fühle mich vergessen, sondern „Ich bin vergessen wie ein Toter“ (Vers 13), dann klingt das besonders dramatisch. Aus „Ich fühle mich nutzlos und kaputt“ wird „Ich bin wie ein zerbrochenes Gefäß“ (ebenfalls Vers 13). Diese Bilder rühren in uns noch mehr an als präzise benannte Gefühle. Das gilt auch für bildstarke angenehme Gefühle: „Du bist mein Fels und meine Burg“ (Vers 4). Wer das hört, fühlt sich selbst gleich stark und beschützend und möchte vielleicht gleich lächelnd erwidern: „Ja, du kannst dich auf mich verlassen. Ich passe auf dich auf. Bei mir kann dir nichts passieren.“ Ich bin mir sicher, dass die Autorin oder der Autor dieses Psalms auf genau diese Reaktion hoffte. Schließlich ist es ein Gebet an Gott, und wenn ich Gott sage: „Ich vertraue dir“, dann möchte ich gern hören oder spüren, dass Gott antwortet: „Kannst du auch!“

Psalmen sind Lyrik, sie sind verdichtete Sprache. Sie bedienen sich der verschiedensten sprachlichen Mittel, um das, was sie ausdrücken möchten, möglichst eindrücklich zu sagen. Durch die Bilder öffnet sich ihre Sprache außerdem weit und wird leicht zugänglich. Einen Fels kann ich mir leicht vorstellen, eine Burg und ein zerbrochenes Gefäß ebenso, und auch wenn wir uns alle unterschiedliche Gefäße vorstellen, so werden wir doch beim Gedanken daran eher traurig werden und uns fragen, ob sich das Reparieren noch lohnt. Solche Bilder selbst zu finden, ist ebenfalls leichter, als man sich das vielleicht vorstellt. Wenn man „dichten“ hört, denken wir schnell an Goethe, den Dichterfürsten. Der konnte Lyrik, aber ich? Goethe hat ein Denkmal, da steht er und guckt streng. Neben ihm steht Schiller. Ich steh hier unten und gucke hoch. Fällt Ihnen etwas auf? Das war bereits ein Bild, fast schon Lyrik. Das können Sie sich schon einmal merken für die Wochenaufgabe am Schluss.

Nun möchte ich Ihr Augenmerk auf ein besonders eindrückliches Bild in Psalm 31 richten, das man leicht übersehen kann. Direkt auf die schönen Worte über die Rettung vor den Feinden, die für diese Woche ausgesucht wurden, gleich auf das wundervolle Bild von den Füßen auf weitem Raum, schlägt die Stimmung um. Da heißt es: „HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib“ (Vers 10). Das ist eine Beschreibung, die über bloße Angst hinausgeht. Das wird bereits in der deutschen Übersetzung deutlich. Die Augen sind trübe vor lauter Leid und lassen kaum noch Licht herein. So werden selbst die Seele und der ganze Körper matt. Spannend ist, dass im Hebräischen die Augen tatsächlich als das Einfallstor zum Ich gelten. Was durch sie hereinkommt, hat einen direkten Einfluss auf die ganze Person. Was Luther hier mit „Seele“ übersetzt, heißt auf Hebräisch „Kehle“ und meint die Lebendigkeit. Der Leib, von dem hier die Rede ist, ist wörtlich der gesamte Unterleib, die Basis des Körpers und allen Gefühls. Das Trübe, das hier durch die Augen kommt, trübt das ganze Sein.

Sieben Wochen mit Gefühl. Das soll in dieser Woche bedeuten: Erlauben Sie sich, Ihre Gefühle wahrzunehmen in all ihrer Vielfalt! Machen Sie diese Gefühle nicht kleiner, sondern beschreiben Sie sie. Es ist etwas anderes, ob man einfach etwas fühlt, oder ob man sich diesem Gefühl nähert, indem man ihm einen Namen gibt oder – besonders spannend – ein Bild damit verbindet. Wenn Sie das tun, werden Ihre Gefühle handhabbarer. Sie können sich ausdrücken. Darum gebe ich Ihnen für diese Woche, wie angekündigt, eine dichterische Aufgabe.

Suchen Sie sich einen Moment am Tag, an dem Sie ein wenig Zeit für sich selbst haben, für Ihre Empfindungen und auch zum Schreiben. Setzen Sie sich an einen Tisch, mit Papier und Stift vor sich. Spüren Sie in sich hinein und merken Sie, welches Gefühl Sie gerade in Ihrer Seele, in Ihrem Körper entdecken können. Vielleicht sind es auch mehrere. Dann versuchen Sie zunächst, diese Empfindungen einzeln zu erkennen. Schreiben Sie sie auf. Und dann beschreiben Sie sie in einem Bild. Vielleicht reicht Ihnen auch hier eins nicht aus, aber setzen Sie sich nicht unter Druck. Ein ausdrucksvolles Bild ist mehr als genug. Schreiben Sie. Dichten Sie. Geben Sie Ihren Gefühlen den Ausdruck, den sie verdienen. Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei. Das Ziel ist nicht, dass Sie etwas zustande bringen, was Sie anderen Leuten zeigen können. Sie werden anschließend selbst wissen, was Sie mit Ihrem Text machen möchten.

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Herzlichen Dank und besonders herzliche Grüße!

Ihr Frank Muchlinsky