Zuversichtsmail 14: „Geh hinaus auf die Landstraßen!“

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Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit! Da fingen sie alle an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und ein andrer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Wieder ein andrer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch: Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken.
Lukas 14,16–24 (Hier vorgelesen von Helge Heynold)

Liebe unbeirrt Verzichtende,

wie haben Sie "das lange Wochenende" verbracht? Vermutlich war es auch bei Ihnen deutlich anders als sonst. Die Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind üblicherweise dafür reserviert, Menschen zu besuchen, die man lange nicht gesehen hat, oder mehrtägige Ausflüge zu machen. Große Familienfeiern finden gern in diesen Tagen statt, auch Taufen, Hochzeiten und Konfirmationen. Dieser Mai ist keiner für solche großen Feste. Darum habe ich für diese Woche eine der Geschichten aus der Bibel ausgewählt, die von der Enttäuschung erzählen, wenn es nicht recht klappt mit dem Feiern.

Üblicherweise nehmen wir beim Lesen der Geschichte vom "großen Gastmahl" die Perspektive derjenigen ein, die hier eingeladen sind. Sicherlich ist es von Jesus durchaus so gemeint gewesen, als er diese Geschichte erzählte. Es ist eine Geschichte vom kommenden Reich Gottes. Gott wird seine Herrschaft auf der ganzen Erde vollkommen machen. Wer dabei sein möchte, mache sich bereit zum Fest. Wer die Einladung ausschlägt, bleibt draußen. Also, so hören wir Eingeladenen, sollen wir nicht nach Ausreden suchen, sondern Gottes Einladung folgen.

So gut und richtig diese Perspektive ist, so erhellend kann es sein, diese Bibelstelle einmal aus der Perspektive des Gastgebers auf sich wirken zu lassen. Jesus bietet uns das durchaus an. Man kann sich in diesen Menschen gut hineinversetzen, der ein Fest plant. Es ist ein großes Vergnügen, Gäste zu haben. Man überlegt sich, wen man alles einladen möchte. Ein kleiner festlicher Abend? Oder eine rauschende Feier? Was soll angeboten werden? Nur ein paar Happen oder ein üppiges Essen? Getränke? Natürlich, aber welche? Musik? Leise oder zum Tanzen? Soll es ein Programm geben? Eine Sitzordnung? Einen Dresscode? Oder sollen alle kommen, wie sie sind, und sitzen, wie sie wollen? Ich kann mir vorstellen, dass sich der Gastgeber in unserer Geschichte eine Menge Gedanken und Mühe macht, damit es ein besonderer Abend werden kann.

Dann kommt der Tag des Festes, und es muss alles hergerichtet werden. Da der Mensch, von dem hier die Rede ist, mindestens einen Diener hat, wird er nicht selbst gekocht haben. Er wird nicht Stühle gerückt und Fenster geputzt haben. Er wird nicht den Wein gekauft und das Wasser geschleppt haben, aber jemand anders hat all das getan. Jemand hat für eine angenehme Beleuchtung gesorgt, sichergestellt, dass der Saal gut gelüftet ist. Das Geschirr ist blank, das Besteck noch blanker. Kissen laden zum Lümmeln ein, Musik klingt angemessen leise durch den Raum. Der köstliche Duft der Speisen steigt dem Gastgeber in die Nase. Gleich ist es so weit.

Und dann tut er etwas – zumindest für unseren Kulturkreis – Ungewöhnliches: Er schickt seinen Diener los, den Gästen zu sagen, dass es nun so weit ist. Wenn wir eine Einladung aussprechen, tun wir das nicht spontan, sondern mit gebührendem zeitlichem Vorlauf. Wir erbitten in der Regel eine Zu- oder Absage. Entsprechend erwarten wir die Gäste zum verabredeten Zeitpunkt. Sie erst einzuladen, wenn das Essen bereits fertig ist, käme uns nicht in den Sinn. Oder wollte der Gastgeber die Leute lediglich an die Einladung erinnern und schickt darum seinen Knecht los, sie zu holen? In diesem Fall scheint er bereits zu ahnen, dass sie eine zweite Aufforderung nötig haben.

Ob nun spontane Einladung oder lang geplante Verabredung, der Gastgeber bekommt eine Abfuhr nach der anderen. Ob ihn die Gründe für die Absagen überhaupt erreichen, ist nicht zu erkennen, allerdings ist seine Reaktion eindeutig: Er wird zornig. In seiner Enttäuschung könnte er nun das Fest platzen lassen. Er könnte demonstrativ Tische umwerfen oder Speisen wegschütten. Laut schimpfend könnte er selbst zu den Eingeladenen gehen und ihnen Vorwürfe machen. Stattdessen lädt er andere Gäste ein. Das Fest wird nicht abgesagt, es wird nur anders aussehen als geplant. Der Diener wird zwei Mal losgeschickt, die zum Fest zu holen, die eben da sind: die vor der Tür, in den Straßen der Stadt und die auf den Landstraßen.

Das ist ein ausgesprochen eleganter Weg, mit einer Enttäuschung umzugehen. Das Festessen wird angepasst an die Umstände. Wenn man die üblichen Gäste nicht haben kann, feiert man mit den Menschen, die eben da sind. Das ist unseren Umständen sehr ähnlich. Wir müssen unsere Begegnungen den Umständen anpassen. Dabei sollen wir das Feiern aber nicht sein lassen. Nur anders muss es sein. Mit denen, die eben da sind, oder vielleicht auf der Landstraße.

Darum lautet meine Wochenaufgabe für Sie so: Laden Sie jemanden aus Ihrer Umgebung ein, mit Ihnen zu essen! Halten Sie gebührenden Abstand! Essen Sie am besten im Freien, aber laden Sie jemanden ein, der oder die überrascht und erfreut davon sein wird! Wenn Sie zu viel Befürchtungen bei einer realen Begegnung haben, lassen Sie sich etwas einfallen. Ein Skype- oder Zoom-Dinner vielleicht? Es ist so viel möglich!

Gott mit Ihnen!

Ihr Frank Muchlinsky

Ein Postskriptum noch: Sie haben unserem Podcast "Ohrenweide" durch Ihr Zuhören zu einem großen Erfolg verholfen. Dafür bedanke ich mich sehr herzlich bei Ihnen, auch und gerade im Namen unseres Sprechers Helge Heynold und der Produzenten in meiner Redaktion. Wir werden noch eine Weile weitermachen, das versprechen wir Ihnen.