Predigt des Eröffnungsgottesdienstes 2026

Predigt von Ralf Meister des Eröffnungsgottesdienstes aus der St.-Albani-Kirche in Göttingen

 Gnade sei mit Euch.
„Halt dich fest! Ich halte dich“, sagte meine Großmutter zu ihrer Tochter, meiner Mutter. So begann ihre Flucht aus Pommern vor 81 Jahren. Das 11-jährige Mädchen sollte sich am Gürtel festhalten, der den Mantel der Großmutter zusammenband. Meine Großmutter trug das Wenige, was von dem großen Haushalt eingepackt und mitgenommen werden konnte, in einem Koffer. Sie hatte keine Hand frei, um ihre Tochter zu halten. Auf keinen Fall durften sie sich unterwegs verlieren. „Halt dich fest, ich halte dich!“ So miteinander verbunden überlebten sie die vielen Monate der Flucht. Erst gegen Ende ihres Lebens erinnerte sich meine Mutter wieder an diese Worte: „Halt dich fest! Ich halte dich.“ Damals hatte sie einfach blind vertraut. „Halt dich fest“ war nicht nur Schutz, sondern auch Aufforderung: Bleib bei mir! Halte durch! Fall nicht hin! Sei stark! In dieser Atmosphäre, ohne Gewalt, in Mitgefühl und großem Vertrauen, auch mit Selbstdisziplin, sind meine Geschwister und ich groß geworden.

Auf der Flucht, am Ende des Krieges geschah diese Geste zwischen Mutter und Tochter, „Halt Dich fest“, in einem Umfeld von großer Härte. Preußische Tugenden von Tapferkeit und Gehorsam waren Alltag, auch gegen sich selbst. Man musste überleben. In Nazi-Deutschland wurde diese Härte pervertiert in Gewalt gegen alles und jeden. Die Generation, die in unserem Land, in Nazi-Deutschland, in den Krieg zog, war geimpft mit Hass und Niedertracht. Es muss damals eine große Anstrengung gewesen sein, im Herzen nicht zu verhärten. In dieser Fastenaktion die Härte auf die rote Liste zu setzen, ist richtig: „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte!“. Wir haben eine lange, „hart“-näckige Vergangenheit, in der Härte eine gewünschte, eine willkommene Charaktereigenschaft war. Und es gibt sie weiterhin. Sie steht wieder auf und nimmt sich Raum. Täglich werden wir mit Fremdenhass konfrontiert und müssen zusehen, wie Menschen öffentlich verächtlich gemacht werden. Täglich geschieht Mobbing auf den Schulhöfen und in den Chefetagen, genauso, wie wir das eben im Anspiel der Jugendlichen gesehen haben! Besonders massiv geschieht das in den sozialen Netzwerken, die sich zu Medien der Härte und des Hasses entwickelt haben. Wir bewegen uns in eine Zeit, in der Unbarmherzigkeit und Verachtung gegen andere Menschen „normal“ werden. Jede kurze Formel wie „Gefühl gegen Härte“ kann tausendfach missverstanden werden. Jeder Mensch formt sein Leben in individueller, ganz persönlicher Weise. Und in jeder Lebensgeschichte gibt es Freiheit und Zwang, Härte und Mitgefühl. Jede, jeder, der für das Deutsche Sportabzeichen trainiert, als Jugendlicher oder als Seniorin, weiß, dass es ohne eine gewisse Hartnäckigkeit im Training nicht gelingen wird. Viele von uns schauen in diesen Tagen Olympia. Wie hart haben die Sportlerinnen trainiert, sich gequält, damit sie bei diesem Höhepunkt ihrer Sportlerkarriere dabei sein können. Ein extrem harter Einsatz gegen sich selbst. Wir fiebern mit, bewundern den Einsatz und fragen manchmal auch nach den Grenzen.

Diese Spannung zwischen notwendiger Härte und verantwortlichem Maß zeigt sich nicht nur, wo wir uns selbst fordern. Sie tritt besonders dort auf, wo wir Verantwortung für andere tragen. Wir müssen abwägen, wann Härte notwendig ist und wann Mitgefühl den Vorrang haben sollte.

Ich denke an Lehrerinnen und Lehrer in der Schule. Was wünschen sie sich in ihrem Innersten für den Lebensweg ihrer Schülerinnen undSchüler? Wo hilft es, ganz klar Grenzen zu setzten und Konsequenzenaufzuzeigen und wo wird das zur Überforderung? Ich denke an mich als Vater. Was wünschte und wünsche ich mir für meine Kinder? Wo konnte ich ihnen Orientierung geben? Und wo war ich zu hart und bin ihnen vielleicht etwas schuldig geblieben? Und ich denke an meinen Dienst als Bischof. Wo werde ich hart, wo ist es notwendig, unnachgiebig zu bleiben und wo vielleicht verletzend? Es gibt eine Geschichte in der Bibel, wo wir Gott selbst zuschauen können, wie er die Spannung zwischen notwendiger Härte und verantwortlichem Maß abwägt. Manchem ist sie als Moment einer großen Hartherzigkeit Gottes unangenehm im Gedächtnis. Es ist die Geschichte der Sintflut.

Die Menschen, denen Gott das Abbild seines Antlitzes schenkte, will er vernichten. Diese Erzählung wird in Kinderbüchern farbenfroh und harmonisch beschrieben. Dort wird sie von ihrem guten Ausgang erzählt: Noah und seine Familie sowie die Tierwelt überleben. Die Vernichtung mit dem harten Urteil spielt hier kaum eine Rolle mehr. Für Gott allerdings schon. Er gesteht einen Fehler ein. In der Bibel heißt es: „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ Gen 8,21b Und es folgt das Versprechen: Nie wieder eine solche Strafe. Mich tröstet das. Auch im Umgang mit meinen eigenen Fehlern und meiner eigenen Hartherzigkeit. Wie kann ein Gott, von dem wir nur das Beste bereit zu glauben sind, so brutal sein? So wie Gott mit sich selbst hadert, so hadere ich auch.

Der erste göttliche Schritt danach ist sein Eingeständnis eines Fehlers. Diese Härte gegenüber der Schöpfung war falsch. Gott kehrt um, er selbst erweicht sein hart gewordenes Herz und lernt, dass es sich lohnt, die Schöpfung zu erhalten, obwohl die Menschen zum Bösen fähig sind und bleiben. Aus Zorn und Härte werden Mitgefühl und Erbarmen. Im Talmud, einer Schrift aus dem Judentum heißt es über ein Gebet Gottes:

„Möge es mein Wille sein, dass meine Barmherzigkeit meinen Zorn
überwindet, und möge meine Barmherzigkeit über meine Eigenschaften
siegen und möge ich gegenüber meinen Kindern mit dem Attribut der
Barmherzigkeit auftreten.“ 

Ein Gebet Gottes, dass auch unser Leitfaden sein kann.

Mich ermutigt die Geschichte zweier Männer: Bassam Aramin und Rami Elhanan. Ein Palästinenser und ein Israeli. Es sind Väter, deren Töchter getötet wurden. Eine Tochter starb durch die Kugel eines israelischen Soldaten, die andere durch ein Attentat eines palästinensischen Terroristen. Doch letztlich, so sagen sie, ist es genau dieser grausame und unendliche Schmerz, der sie motiviert, das zu tun, was sie tun: die Botschaft des Friedens und der Geschwisterlichkeit weiter zu verbreiten. Sie nennen den Schmerz die „Energie“, die „Dunkelheit, Zerstörung, Schmerz und Tod über die Menschen bringen kann“, oder aber „Licht, Wärme und Hoffnung“: Ihre getöteten Töchter, sagen sie, stehen hinter ihnen, treiben sie vorwärts, geben ihnen einen Grund aufzustehen: Nicht um zu hassen oder zu töten, sondern um für Frieden einzustehen. Freundschaft und ein mitfühlendes Herz dort, wo Härte und Vergeltung nahelägen. In der Passionszeit begegnen wir derselben Dynamik in ihrem radikalsten Ausdruck. Jesus nimmt unser Leid, unsere Härte und Schuld auf sich und verwandelt sie in Hoffnung und Zuversicht. Er beendet Kriege und Gewalt nicht mit einem Machtwort. Er geht selbst hinein in Chaos und Leid, fühlt mit, leidet mit, geht voran. „Halt dich fest, ich halte dich.“ Das ist kein frommer Trost, sondern ein Band zwischen Christus und mir.

Das widerspricht unserer gewohnten Logik von Macht und Härte. Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, das zu glauben. Die kommenden sieben Wochen können eine geistliche Schule auf Zeit sein: eine Zeit, in der wir hören und uns in diese ungewohnte Haltung einüben. Gott sagt uns zu: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben und das steinerne Herz wegnehmen.“ Veränderung ist möglich. Ein Herz kann lernen, weich zu werden. Sieben Wochen liegen vor uns, um uns darauf einzulassen. „Halt dich fest. Ich halte dich.“ sagt Gott.

Amen.