3. Woche: Singen

Jona betet:

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, 
     und er antwortete mir. 
Ich schrie aus dem Rachen des Todes, 
     und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, 
     dass die Fluten mich umgaben. 
Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,
     dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, 
     ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.
Wasser umgaben mich bis an die Kehle, 
     die Tiefe umringte mich, 
     Schilf bedeckte mein Haupt.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, 
     die Riegel der Erde schlossen sich hinter mir ewiglich. 
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, 
     HERR, mein Gott!
Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, 
     und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.
Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.
     Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. 
Meine Gelübde will ich erfüllen. 
Hilfe ist bei dem HERRN.

Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.
(Jona 2,3-11 Lutherbibel von 2017)

Liebe Panik-Verschmähende,

hoffentlich hatten Sie eine Woche, in der Sie genügend Zeit zum Luftholen hatten. Hoffentlich haben Ihnen weder die Nachrichten aus der großen noch aus Ihrer eigenen Welt den Atem geraubt. Vielleicht hatten Sie sogar Zeit, draußen ordentlich frische Luft zu schnappen. Ich selbst hatte das große Glück, einen Tag im Garten meiner Eltern zu verbringen. Während wir beisammensaßen, blickten wir auf einen blassvioletten Teppich aus Elfen-Krokussen (Crocus tommasinianus). Wir haben uns unterhalten, aber die Themen waren nicht entscheidend. Das Gespräch genügte, das gemeinsame Atmen mit Lauten, wenn Sie so wollen. 

Nach diesem Bild vom freien Atmen fällt es vielleicht etwas leichter, sich unserem heutigen Text zuzuwenden. Er stellt sozusagen das genaue Gegenteil dieser Gartenszene dar, denn er spielt im Bauch eines gigantischen Fisches. Für alle, die sich nicht sofort erinnern, weil ihre Zeit im Kindergottesdienst schon länger her ist, hier die Vorgeschichte: Jona wird von Gott beauftragt, nach Ninive zu gehen. Dort soll er den Leuten verkünden, dass Gott ihre Stadt untergehen lassen wird. Ninive ist die Hauptstadt des überaus mächtigen und aggressiven Reiches Assur. Jona entschließt kurzerhand, sich in die exakt entgegengesetzte Richtung auf den Weg zu machen. Anstatt nach Osten zu gehen, schifft er sich ein, um nach Westen zu fahren. Unterwegs kommt ein Sturm auf und Jona wird schnell klar, dass er der Grund für diesen Sturm ist. Darum lässt er sich von der Besatzung über Bord werfen. Er versinkt, aber Gott schickt einen Fisch, der Jona verschluckt. In diesem Fisch lebt Jona drei Tage lang und er tut das, was in unserem Text für diese Woche steht: Er betet. Und Jona betet nicht nur mit Worten. Das Gebet, das an dieser Stelle des Jonabuches steht, ist ein Psalm, ein təhillāh. Das heißt übersetzt Loblied. Jona betet singend. 

Die Vorstellung, dass da einer im Inneren eines Fisches sitzt und singt, hat mich immer schon fasziniert. Es muss doch eng dort sein und stinken! Und in einer solchen Umgebung soll Jona tief Luft holen und vermutlich noch laut singen? Höchst unglaublich! Nun ist es freilich schon unglaublich, sich vorzustellen, dass ein Mensch unbeschadet drei Tage im Inneren eines Fisches verbringt, aber das akzeptiere ich. Es ist eine gute Geschichte von einer fantastischen Rettung. Aber Singen? Die Vorstellung ist so unglaublich, dass ich aufmerksam werde und mich frage: Warum wird das so erzählt? Warum betet er nicht einfach still? 

Und dann kommt mir eine schöne Erkenntnis: Leise zu beten würde nicht ausreichen. Selbst ein lautes Aussprechen genügt nicht. Jona ist so überwältigt von seiner Rettung, dass er aus vollem Hals singen muss. Das Gebet macht mehr als deutlich: Jona hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Tiefer als er kann man nicht sinken. Jona hat die Welt verlassen, als er ins Meer sank: „Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, die Riegel der Erde schlossen sich hinter mir ewiglich.“ Jona wollte so weit wie möglich weg von seinem Auftrag und von Gott und er hat es sozusagen „geschafft“. Weiter entfernt von Gott als im Chaos unter der Schöpfung kann man nicht sein. Aber ausgerechnet hier hat Gott ihn herausgezogen aus dem Verderben. Da können einem schon Enge und Fischgestank egal sein, da fängt man an, Gott aus voller Lunge zu loben.

Ich habe den Eindruck, dass der Grund dafür, dass Menschen singen, der ist, dass Sprechen manchmal einfach nicht mehr ausreicht. Manchmal wollen wir aus unserem Atem einfach mehr machen und dann singen wir unsere Worte. Also, wenn Sie sich an die letzte Woche erinnern, ist Singen sozusagen die Kombination aus Sprechen und Seufzen. Wortloses Reden und mit Worten reden gleichzeitig. Mehr geht nicht mit unseren Stimmen. 

• Darum lautet auch die Wochenaufgabe so: Suchen Sie nach einem Lied, das Sie gut auswendig singen können. Singen Sie es unter der Dusche! Das kommt dem Jona-Moment ein wenig nah. Es riecht zwar deutlich besser als in einem Fisch, aber es ist nass und man muss aufpassen, dass man sich nicht verschluckt. Singen Sie aus voller Kehle. Wenn Sie Menschen haben, mit denen Sie zusammenwohnen, informieren Sie die vorher, oder, wenn Ihnen lustig zumute ist, erst anschließend.

• Zusatzaufgabe für Gesellige: Singen Sie mit anderen gemeinsam! Dann wird es nicht in der Dusche sein, aber vielleicht im Bauch einer Kirche. Danken Sie Gott für Ihren Atem – mit Ihrem Atem.

Jona wurde vom Fisch ausgespuckt und ging dann tatsächlich nach Ninive. Dort sagte er den Leuten, dass ihre Stadt untergehen wird. Die aber haben gefastet und versprochen, sich zu bessern, und Gott ließ alle am Leben. Auch eine schöne Geschichte! Leider hat Jona sich über deren Rettung dann geärgert. Er wollte so gern den Untergang anschauen. Ich befürchte, die Sache mit dem Fisch hatte ihn dann doch ziemlich traumatisiert. Aber das ist nur eine Vermutung. 

Eine gesegnete Woche für Sie! Atmen Sie frei!

Ihr Frank Muchlinsky