5. Woche: Dicke Luft

David Klammer

Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf. Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: „Wozu verschwendet sie das Salböl? Das Salböl war über 300 Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen und das Geld den Armen geben können.“ Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen. Aber Jesus sagte: „Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch. Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen, das sage ich euch: Auf der ganzen Welt wird man die Gute Nachricht von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“ (Markus 14,3-9 Basisbibel)

Liebe Atemschöpferinnen und -schöpfer,

in unseren wöchentlichen gemeinsamen Denk- und Atemübungen soll es heute um das Schnaufen gehen. Dieses empörte, manchmal verächtliche Ausschnauben: „Pfft!“ oder „Pah!“, Sie verstehen sicherlich, was ich meine. Im Englischen gibt es ein schönes lautmalerisches Wort dafür: Scoff, was wörtlich Spotten bedeutet. Dieses Schnaufen kann absichtlich ausgestoßen werden, aber manchmal entfährt es uns unwillkürlich wie ein Furz. Ob nun absichtlich oder instinktiv, in beiden Fällen drücken wir unsere Missbilligung aus. Wir Menschen sind gut darin, Töne zu modulieren, um ihnen einen bestimmten Klang und eine bestimmte Bedeutung zu geben. So schaffen wir es auch, so ein Schnaufen zu variieren. Wenn uns einfache Missbilligung nicht ausreicht, kann unser Schnaufen zu einem Grunzen werden. Wenn das noch nicht genügend verächtlich klingt, kriegen wir ein absichtlich falsches und spitzes Lachen hin. Oder wir blöken gar laut vernehmlich. So können wir sogar Missachtung, ja Verachtung ausdrücken, ohne ein Wort zu sagen. Beliebt ist diese Art des wortlosen Kommentars auch deswegen, weil er auch dezent eingesetzt werden kann. Ein leises, schnelles Schnaufen neben einer gleichgesinnten Person kann augenblicklich Gemeinsamkeit herstellen: „Lächerlich, findest du nicht auch?“

Hand aufs Herz und Finger in die Luft: Nutzen Sie diese Form der Missbilligung nicht auch gern ab und an? In der biblischen Szene, um die es in unserer fünften Fastenwoche geht, wird auch ordentlich missbilligt. Man sitzt gemütlich beim Essen in netter Gesellschaft. Simon hat eingeladen. Er trägt noch den Namen „der Aussätzige“, aber wir können davon ausgehen, dass er mittlerweile „der Geheilte“ ist, denn sein Haus ist voll mit Gästen. Die wären sicherlich nicht gekommen, würde er noch ansteckend sein. Dann erscheint da diese Frau und tut Unerhörtes: In einer Gesellschaft, die sich nicht zuletzt dadurch definiert, dass sie sich um Benachteiligte kümmert, tritt sie zu Jesus und gießt ihm sündhaft teures Öl über den Kopf. Ich stelle mir die verschiedenen Laute vor, die den Leuten ringsum entfahren. Schreckhaftes Einatmen, Schnaufen, Grunzen. Ich nehme an, es ist alles dabei. Warum ich das denke? Weil es im Text weiter heißt, dass sie die Vorwürfe, die sie haben, zueinander sagen. Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: „Wozu verschwendet sie das Salböl?“ Die sich ärgern, haben nicht den Schneid, der Frau direkt zu sagen, dass sie ihr Verhalten missbilligen. Sie schauen, zischeln und tuscheln untereinander.

Das ist eine feige Art. Nicht nur, dass die Leute unter sich bleiben, in ihrer eigenen „Bubble“, sie schnaufen und tuscheln zunächst unter sich. Noch hat niemand die Chuzpe, seine Einwände oder sein Missfallen offen auszusprechen. Stattdessen stacheln sie sich zunächst gegenseitig an. Als sie sich in Rage geschnaubt haben, fallen sie schließlich direkt über die Frau her: Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen. Wie gut, dass Jesus eingreift: „Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan.“ Jesus erhebt die Stimme und endlich ist der Konflikt offen. Endlich kann gestritten werden.

Streiten können wir nur mit denen, die anderer Meinung sind als wir. So simpel dieser Satz auch ist, wir beherzigen ihn doch selten. Wir sagen unsere Meinung lieber denen, die auf unserer Seite sind. Oder wir schnaufen unsere Meinung gemeinsam mit ihnen heraus. Aber, wie Jesus zu Recht sagt: So machen wir einander nur das Leben schwer. Um noch einmal auf die Geschichte zu kommen: Man kann durchaus der Ansicht sein, dass man kostbares Öl lieber verkaufen als verwenden sollte, um mit dem Geld Bedürftige zu unterstützen. Dafür gibt es gute Argumente. Aber die werden ja überhaupt nicht geäußert, wenn man einfach „Verschwendung“ schnauft. Streit ist nichts Schlimmes. Es ist nichts, das man vermeiden muss. Solange man streitet, um eine Lösung zu finden, und nicht, um das Gegenüber zu besiegen, ist Streit produktiv und bringt die streitenden Seiten zusammen, weil sie dasselbe Ziel haben: eine Lösung des Konflikts.

Um streiten zu können, sollten wir dringend Schnaufen fasten. Darum lautet die Wochenaufgabe heute:

  • Erwischen Sie sich dabei, wenn sie „Pfft“ machen oder „Pah“! Merken Sie auf, wenn Sie mit den Augen rollen oder aufstöhnen, wenn Ihnen etwas missfällt. Merken Sie es und versuchen Sie, es beim nächsten Mal sein zu lassen.
  • Zusatzaufgabe für Reflektierte: Fragen Sie sich, was Sie gerade stört, wenn Sie sich beim Schnaufen ertappen. Was würden Sie sich wünschen? Fragen Sie sich, ob Sie diesen Wunsch direkt der Person sagen können, die Ihnen gerade das Schnauben entlockt hat.

Ich wünsche Ihnen eine sehr schöne Woche ohne dicke Luft!

Ihr Frank Muchlinsky