Liebe Hartgesottene und Gefühlsbetonte,
endlich dürfen wir wieder auf etwas verzichten. Ist es nicht ein Privileg, dass wir uns einmal im Jahr aussuchen können, was wir bleiben lassen wollen? Keine Anordnung, keine Vorschrift, einfach der eigene Wille, etwas sein zu lassen, das nicht guttut. „7 Wochen Ohne“ schlägt in diesem Jahr vor, auf Härte zu verzichten und stattdessen „mit Gefühl“ vorzugehen. Wie immer kann man sich fragen, wie gut gelungen solch ein Vorschlag ist. Man könnte einwenden, dass wir in Zeiten leben, in denen wir vor allem Härte brauchen, weil diejenigen, die uns das Leben schwermachen, selbst mit großer Härte vorgehen. Sie zetteln Kriege an, sie lassen ihre Truppen auf Unschuldige im eigenen Land los, sie setzen Hunger und Kälte als Waffen ein, sie verdrehen die Wahrheit und haben vor nichts Respekt. Ich frage mich in diesen Tagen: Wie können wir den Harten widerstehen und gleichzeitig darauf verzichten, selbst hart zu sein?
Die erste Antwort habe ich im Bibeltext für diese Woche gefunden. Er stammt aus dem ersten Buch der Könige. Es geht um Salomo. Salomo ist der Sohn von König David und erst seit kurzem selbst König, als er träumt, dass ihm Gott erscheint und ihm einen Wunsch gewährt. Anstelle von Macht oder Reichtum oder Gesundheit wünscht Salomo sich Weisheit. Er bekommt sie und Reichtum und Gesundheit noch dazu, weil er so gut gewählt hat. Seitdem ist er als „Salomo der Weise“ bekannt. Sein Vater David hat so einen Zusatznamen nicht. Vielleicht liegt das daran, dass er so viele besondere Eigenschaften hatte, dass keine von ihnen seinen Namen ergänzen könnte. Mutig war er, gewitzt und seinem Gott sehr treu ergeben. Er konnte skrupellos sein und reumütig, liebevoll und unbarmherzig. Sein letzter Wille, den er sterbend seinem Sohn mitteilte, war, dass Salomo mehrere Leute umbringen sollte; Menschen, die Salomo den Thron streitig hätten machen können. Salomo erfüllt den letzten Wunsch seines Vaters. Alle seine Konkurrenten sind tot, als Salomo diesen Traum hat, in dem er sich Weisheit wünscht. Ich denke, das hat miteinander zu tun.
Im Schlaf, als Salomos Geist sich unbeirrt entfalten kann, scheint ihm bewusst zu werden, dass er als König nicht viel taugen wird, wenn er den Weg seines Vaters weitergeht. Als Gott ihn im Traum anspricht, entgegnet Salomo: „Du selbst, Gott, hast mich zum König gemacht.“ Damit sagt er im Grunde genommen auch: „Nicht der Plan meines Vaters hat dafür gesorgt, dass ich König bin. Nicht die Morde an meinen Widersachern haben mich zum König gemacht.“ Salomo wird außerdem bewusst, dass er bislang nur das getan hat, was man von ihm erwartete. Er handelt bis dahin wie einer, der selbst „nicht ein noch aus weiß“. Salomos Bitte um Weisheit ist darum nicht zuletzt eine Bitte um Autonomie. Er bittet darum, Gut und Böse unterscheiden zu können, damit er nicht auf andere hören muss, die ihm etwas eintrichtern wollen. Machterhalt durch Gewalt? Das wird nicht Salomos Weg sein. Und tatsächlich. Er verhandelt lieber, gleicht aus. Seine Weisheit wird legendär.
Wie muss ich mir das vorstellen? Ist er aufgewacht und war sofort extrem weise? So wie Eva und Adam, die von einer Frucht aßen, die sie schlagartig mit Erkenntnis ausstattete? Oder war es vielleicht eher so, dass ihm lediglich schlagartig klar wurde, dass er es in Sachen Königtum anders machen wollte als sein Vater? Vielleicht hat Salomo seit dieser Nacht Weisheit trainiert. Das stelle ich mir gern vor, denn das könnte man ja nachmachen. Immer wieder hielt er inne, dachte nach, was für Konsequenzen sein Handeln haben würde. Er lernte, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, so dass er ihre Bedürfnisse ebenfalls berücksichtigen konnte. Er lernte, seine Wut wahrzunehmen, ohne augenblicklich Wut zu schnauben. Er lernte, liebevoll an seine Eltern zu denken, ohne zu versuchen, ihnen alles recht zu machen. Er lernte, große Zusammenhänge zu begreifen und nicht alles aus der eigenen Perspektive zu betrachten. Nach und nach wurde er weiser uns weiser. So stelle ich mir das vor.
Am Anfang dieser Weisheit steht ein Traum, in dem alles möglich ist, und in dem sich Salomo wünscht, selbst denken und entscheiden zu können. Ein Traum, in dem Gott sich über diesen Wunsch freut und verspricht, ihn zu erfüllen. Später wird Salomo ein Urteil fällen, das so extrem weise ist, dass es seinen Namen tragen wird. Lassen Sie uns daraus die erste Wochenaufgabe machen, die mit Urteilen zu tun hat.
- Erinnern Sie sich an eine Nachricht, die Sie vor kurzem gehört oder gelesen haben. Am besten eine Nachricht, die kontrovers diskutiert wird. Dann bilden Sie sich Ihr Urteil darüber. Wie stehen Sie zu der Sache? Wie emotional werden Sie bei diesem Thema?
Als Nächstes fragen Sie sich: „Wer denkt hier auch so wie ich?“ Und dann vor allem: „Wer hat mir das beigebracht, dass ich in dieser Sache so denke?“ Das ist manchmal nicht leicht zu entdecken, aber versuchen Sie es.
Und in einem dritten Schritt fragen Sie sich: Ist das Urteil tatsächlich meins? Will ich diese Ansicht behalten? Oder würde ich lieber anders denken an diesem Punkt? Seien Sie möglichst ehrlich zu sich selbst. - Wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass das Urteil, das Sie gefällt haben, tatsächlich Ihr eigenes ist, ist die Übung an dieser Stelle zu Ende. Wenn Sie aber merken, dass Sie hier etwas wiederholen, das andere Ihnen erzählt haben, erlauben Sie sich, selbst zu denken. Das heißt nicht, dass Sie Ihre Meinung über den Haufen werfen müssen. Aber es bedeutet, dass Sie neu anfangen können.
- Wiederholen Sie die Übung in regelmäßigen Abständen. Es ist ein gutes Weisheitstraining.
Nun wünsche ich uns allen eine gute Fastenzeit. Bis bald!
Ihr Frank Muchlinsky
PS: Zwei Tipps habe ich noch für Sie: Wie in den vergangenen Jahren bieten wir auch diesmal wieder an, sich gemeinsam den biblischen Impulsen der einzelnen Fastenwochen zu nähern. Wenn Sie an unserem Online-Bibliolog teilnehmen möchten, können Sie das ganz einfach und ohne Anmeldung tun: Wenn Sie freitags um kurz vor 16 Uhr hier klicken, kommen Sie direkt zum Bibliolog. Wenn Sie in den kommenden Wochen immer freitags an den Bibliolog erinnert werden möchten – oder erst einmal wissen möchten, was Sie da überhaupt erwartet, gehen Sie hier auf die Seiten von „7 Wochen Ohne“. Dort finden Sie den Link zum Bibliolog auch jederzeit wieder. Er ist in jeder Woche gleich.
Morgen, Donnerstag, 19. Februar, 19 bis 19.45 Uhr, bin ich zu Gast im chrismon-Webinar. Auch da wird es um das diesjährige Thema von „7 Wochen Ohne“ gehen. Ebenfalls dabei ist die Mediatorin und Jobcoach Kristina Oldenburg. Sie kennt sich unter anderem in den Härten des Berufsalltags aus. Hier können Sie sich anmelden.