Fünfte Fastenmail: „Wahrhaftig leben”

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Lena Giovanazzi

Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm? Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.
(1. Johannes 3,16–18)

Liebe Liebhaberinnen, liebe Liebhaber der Wahrheit,

in dieser Woche wird uns ein besonders schmackhafter Text serviert. Der letzte Vers ist so beliebt, dass er für sehr viele Menschen der ideale Bibelvers für ihre Ehe, für ihr Kind oder für das eigene Leben ist. „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit“ ist Jahr für Jahr unter den beliebtesten Trau-, Tauf- und Konfirmationssprüchen. Das hat natürlich gute Gründe, denn so wünschen wir uns die Liebe: aufrichtig und erkennbar in dem, was jemand tut. Wer nach der Wahrheit sucht, wird nach dem schauen, was jemand tut, nicht nur danach, was jemand sagt. Wenn beides in dieselbe Richtung strebt, dann spüren wir Wahrhaftigkeit.

Um diese Wahrhaftigkeit geht es in dieser Woche. Ganz schlicht ausgedrückt geht es darum, zu tun, was man sagt. Allerdings legt Johannes, also der Verfasser des Briefes, aus dem unser Text stammt, die Latte noch höher. Bevor man zu dem schönen Vers über die wahrhaftige Liebe gelangt, stolpert man doch recht heftig über die Aussage: „Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“ Im Ernst? Wir sollen bereit sein, füreinander zu sterben? Ja, ich denke, dass Johannes das sehr wohl wörtlich gemeint hat: Wenn es nötig ist, sollen Christinnen und Christen bereit sein, füreinander zu sterben, wie Christus für uns alle gestorben ist. So heftig diese Aussage uns erscheinen mag, sie wird doch verständlich, wenn man sie mit dem verbindet, worum es in diesem Text geht, und das ist eben die wahrhaftige Liebe. So groß soll die Liebe zueinander sein, dass man bereit ist, im schlimmsten Fall das Leben füreinander zu geben.

Ich habe viele Eltern solch große Worte sagen gehört, wenn es um ihre Kinder ging, und ich glaube ihnen, dass sie bereit wären, ihr Leben für das ihrer Kinder zu geben. Ich nehme an, dass Johannes genau solche Elternliebe im Kopf hatte, als er von der Liebe Gottes zu den Menschen schrieb. Er redet seine Leserinnen und Leser ja sogar direkt mit „meine Kinder“ an. So groß wie Elternliebe ist die Liebe Gottes, so groß soll die Liebe untereinander sein. Zum Glück habe ich es noch nie erleben müssen, dass so extreme Fälle eingetreten sind, in denen solchen Worten von Eltern auch Taten hätten folgen müssen. Aber schließlich geht es ja auch nicht nur um solche Extremsituationen. Es geht darum, sein Leben zu geben, und das kann man auch tun, wenn man selbst am Leben bleibt.

Johannes gibt auch gleich ein Beispiel dafür, wie man sein Leben für andere lassen kann und dabei am Leben bleibt: Wer sieht, dass jemand darbt, wer sieht, dass es jemandem schlecht geht, der tue etwas dagegen. Wer etwas hat, gibt dem, der etwas braucht, davon ab. Das ist so einfach, dass es banal erscheint. Aber das Schwierige an der Wahrhaftigkeit ist ja nicht, etwas zu verstehen oder zu sagen, sondern es in Taten umzusetzen. Das meint Johannes mit wahrhaftiger Liebe: Geh mit offenen Augen durch die Welt, und wenn du gebraucht wirst, tu etwas!

Darum schlage ich vor, dass wir in dieser Woche üben, aus unseren liebevollen Gedanken Handlungen werden zu lassen. Schauen Sie hin, was Ihnen begegnet. Wo werden Sie gebraucht? Spüren Sie, wenn jemand Ihre Aufmerksamkeit braucht, und schenken Sie diese Aufmerksamkeit ungeteilt! Unterbrechen Sie, was Sie gerade tun, und geben Sie etwas von Ihrer Lebenszeit ab. Das ist der erste wichtige Schritt für die wahrhaftige Liebe, dass wir uns Zeit füreinander nehmen, einander wahrhaftig zuwenden. Gerade wenn Sie meinen, dass Sie gerade für jemanden keine Zeit haben, seien Sie entweder ehrlich mit Worten und sagen Sie ihr oder ihm das. Oder entschließen Sie sich, sich dieser Person wirklich zuzuwenden. Dann muss eben etwas anderes warten. Bedenken Sie: Ihre Aufmerksamkeit ist nicht teilbar. Das ist ein Trugbild, eine Selbstlüge. Wenn jemand Sie braucht und bekommt nur Ihre geteilte Aufmerksamkeit, wird er oder sie das merken und die Lüge entlarven. Entscheiden Sie also bewusst, wem Sie gerade Ihre Lebenszeit zuwenden möchten!

Wenn Sie noch mehr tun wollen, sind Ihnen in Sachen wahrhaftiger Liebe keine Grenzen gesetzt: Geben Sie, was immer Sie haben, denen, die es brauchen! Setzen Sie Ihre Kraft ein, Ihr Geld, Ihre Gaben, Ihr Leben! Zunächst aber üben Sie am besten, sich einer Person zurzeit und ihren Bedürfnissen ganz zuzuwenden!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche voller wahrhaftiger Liebe!

Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

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