Fastenmail: Woche 4 „Dir zuliebe?”

Marlena Waldthausen

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
1. Korinther 13,4−7 (im Zusammenhang vorgelesen von Helge Heynold)

Liebe Weggefährtinnen und Spielgefährten,

es ist Bergfest! Die vierte Woche der Fastenzeit läuft, die Hälfte ist geschafft. Dieser Satz wäre vor zwei Jahren noch völlig ohne zu stocken in die Tastatur geflossen. Aber seit einem Jahr spielen weder der Jahres- noch der Kirchenjahreskalender die Hauptrolle. Alles richtet sich am Verlauf der Pandemie aus. Wir hören täglich auf die neuen Zahlen, und unsere schwachen Hoffnungen richten sich auf die regelmäßigen Absprachen zwischen den Regierenden in Bund und Ländern. Anstatt auf die Auferstehung warten wir auf die Herdenimmunität. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie viel wir schon „geschafft“ haben.

Wir spüren ständige Unsicherheit, über Abstände, eigene Zustände und äußere Umstände. Und mit der Unsicherheit steigen die Empfindlichkeit und unser Wunsch, uns um uns selbst zu kümmern. Die Frage, ob Impfstoffe gerecht verteilt werden, beantworten wir frühestens dann mit Ja, wenn wir selbst geimpft wurden. Wie die Corona-Lage in anderen Ländern aussieht, interessiert uns erst dann, wenn wir dort Urlaub machen wollen. Die Politik macht es nur dann richtig, wenn sie sich für uns einsetzt. So denken Sie nicht? Sie fühlen sich gerade zu Unrecht angegriffen? Ihnen liegt das Wohlergehen anderer sehr wohl am Herzen? Herzlichen Glückwunsch! Dann haben Sie die Liebe, von der Paulus in seinem Brief an die Korinther schreibt.

Paulus schreibt mit großem Pathos von der Liebe. Für ihn steht die Liebe über allen anderen Gaben, die Gott den Menschen schenkt. Am Ende des Kapitels, aus dem unser Wochentext stammt, wird Paulus die unsterblichen Worte schreiben: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor 13,13) Wenn ein so eingefleischter Theologe und gläubiger Mensch wie Paulus schreibt, die Liebe sei größer als der Glaube, dann lohnt es sich genau hinzusehen, wie er Liebe versteht.

Sage und schreibe 15 Eigenschaften der Liebe zählt Paulus in unserem kurzen Bibeltext auf, und die Aussagen werden immer gewaltiger, bis es schließlich heißt: Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Wer jemals eine Liebesbeziehung beendet hat, wird schlucken bei solch absoluten Aussagen. So ist es auch kein Wunder, dass die Verantwortlichen für die Wochenthemen bei „7 Wochen Ohne“ ein Fragezeichen hinter die Überschrift gesetzt haben. Darin steckt die Frage: „Muss Liebe wirklich all das tun? Habe ich keinen Spielraum? Muss ich alles glauben und ertragen?“

Aber hier liegt ein Missverständnis vor. Es geht Paulus zunächst nicht darum, wie sich Liebende verhalten sollen. Paulus beschreibt die Liebe selbst. Die Liebe ist langmütig und freundlich, selbst wenn ehemals Liebende es schon lange nicht mehr sein sollten. Die Liebe selbst ist über alle Verbitterung oder Erschütterung erhaben. Sie hat es nicht nötig, sich aufzublasen. Würde sie anfangen, boshaft zu werden, wäre sie nicht die Liebe.

Liebe ist für Paulus der immerwährende Halt, die Lösung für die ärgsten Konflikte, weil man sie annehmen kann. Wer die Liebe annimmt, wer sie „hat“, wie Paulus am Anfang des Kapitels sagt, kann allem trotzen. Weil die Liebe selbst alles erträgt, hilft sie dabei, schlimme Zeiten zu ertragen. Weil sie selbst alles glaubt, hilft sie dabei, wenn die Zweifel groß werden. Weil sie selbst alles hofft, kann sie denen Zuversicht geben, die lieben. Weil die Liebe, wie Paulus sie im Sinn hat, nicht „das Ihre sucht“, können sich alle, die diese Liebe haben, anderen etwas gönnen, selbst wenn es ihnen selbst fehlt.

Diese Liebe ist das beste Mittel, um durch diese und jede andere Krise zu kommen. Weil sie so stark ist, so unerschütterlich und langmütig, spielt es keine Rolle, wie stark wir selbst sind. Alles, was wir tun müssen, ist uns dieser Liebe immer wieder hingeben. Wir können der Liebe das Kommando übergeben und zulassen, dass sie uns führt und immer wieder korrigiert, falls unsere Richtung gerade nicht stimmt. So freundlich ist sie! Und so lautet die Wochenaufgabe: Geben Sie ganz bewusst der Liebe die Zügel in die Hand! Nehmen Sie sich mindestens an einem Tag vor, ständig darauf zu hören, was die Liebe Ihnen sagt. Besonders dann, wenn Sie sich über etwas ärgern oder Ihnen etwas Sorgen bereitet. Aber auch dann, wenn Sie die Liebe ohnehin spüren können. Lassen Sie sich von ihr bestimmen!

Ich wünsche Ihnen eine im wahrsten Sinne liebevolle Woche!

Ihr Frank Muchlinsky

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