Fastenmail: Woche 2 „Von der Rolle”

woche2_von_der_rollecisadora_tast.jpg

Isadora Tast

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Jeremia 1,4−8 (Hier vorgelesen von Helge Heynold)

Liebe Mitspielende,

mögen Sie große Herausforderungen? Oder nehmen Sie sich lieber Ziele vor, von denen Sie sicher sind, dass Sie sie bestimmt erreichen können? Gehören Sie zu denen, die gleich „Hier!“ rufen, wenn eine wichtige Aufgabe verteilt wird? Oder können Sie es nicht fassen, wenn Ihnen jemand etwas Großes zutraut? Im Moment wird von uns allen sehr Großes verlangt, und wir können uns nicht aussuchen, ob wir uns den zusätzlichen Aufgaben stellen wollen oder nicht. Corona regiert noch, und unsere gemeinsame große Aufgabe ist noch längst nicht geschafft. Die Pandemie fragt niemanden von uns, ob wir uns der zusätzlichen Herausforderungen und Belastungen gewachsen fühlen.

In dieser Hinsicht ähnelt COVID-19 Gott. Auch Gott fragt uns nicht, ob wir dem Leben wohl gewachsen sind. Er lässt uns einfach geboren werden. Gott fragt nicht, ob wir unser Leben lieber auf „Anfängerlevel“ spielen möchten oder im „Profimodus“. Das musste auch Jeremia erfahren. Im siebten Jahrhundert vor Christus, in einer Zeit relativer Ruhe und Stabilität im Lande Juda, „geschieht“ das Wort Gottes zu ihm. Jeremia stammt aus einem Priestergeschlecht. Für ihn ist Gott sicherlich kein Fremder, aber dass Gottes Wort direkt zu jemandem geschieht, lässt Großes ahnen. Und tatsächlich stellt Gott ihn gleich vor vollendete Tatsachen: Ich kenne dich länger als deine Mutter, und ich habe es längst entschieden: Du bist ein Prophet. Jeremias Entgegnung wirkt seltsam hilflos: „Ich tauge nicht zu predigen, ich bin zu jung,“ sagt er.

Was er wohl damit meint? Dass er noch Zeit braucht? Oder dass es ihm an Weisheit mangelt? An Erfahrung? Wer nun erwartet, dass Gott dem armen Jeremia Mut macht, indem er ihn daran erinnert, was er doch schon alles könne, irrt sich. Kein „Ach, komm, stell mal dein Licht nicht unter den Scheffel! Du kannst mehr, als du dir selbst zutraust!“ Nicht mal ein „Du schaffst das schon!“ bekommt Jeremia von Gott zu hören. Stattdessen: „Tu, was ich dir sage!“

Ist Gott also schlicht autoritär? Interessiert sich Gott nicht dafür, was wir können? So einfach ist es nun auch wieder nicht. In dem, was Gott Jeremia dann sagt, stecken gleich zwei Versprechen. Zunächst: „Du sollst predigen, was ich dir sage.“ Mit anderen Worten: „Es kommt nicht auf deine Fähigkeit zu predigen an. Du kannst dich darauf verlassen, dass du meine Worte sagen wirst.“ Und dann: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ Gott weiß sehr wohl, was er Jeremia gerade aufgebürdet hat. Jeremia wird als Prophet Gottes mit vielen mächtigen Leuten in Konflikt geraten. Jeremia wird in Gefahr geraten, aber in der wird er Gott an seiner Seite haben.

Letztlich finde ich diese Aussage Gottes viel hilfreicher, als wenn er Jeremia an dessen Stärken erinnern würde. Denn dann müsste Jeremia immer nur auf sich selbst vertrauen. Er müsste sich immer selbst retten und sich auch noch selbst Vorwürfe machen, wenn er es nicht schafft. So aber handelt Gott eher wie ein guter Trainer, der beim Aufschwung am Reck sagt: „Ich sage dir, wie du es machen musst, damit es klappt. Du musst es selbst schaffen, aber eines verspreche ich dir: Ich bin da und passe auf, dass du nicht herunterfällst.“

Mögen Sie Herausforderungen, die Sie sich selbst aussuchen dürfen? Dann habe ich die Wochenaufgabe für Sie: Machen Sie mindestens einmal ganz bewusst etwas, für das Sie eigentlich entweder zu jung sind oder zu alt! Wenn Sie sich „im Grunde für nichts zu alt“ fühlen, fragen Sie einen Teenager, was man nach dessen Meinung in Ihrem Alter nicht tun sollte. Und dann tun Sie es. Ebenso, wenn Sie meinen, dass Sie bereits alt genug für alles sind, fragen Sie jemanden, der in einem Pflegeheim lebt. Muss ich es erwähnen? Besser ist besser: Tun Sie nichts, das generell oder in Ihrem Alter gesetzlich verboten ist!

Ich wünsche Ihnen viel Freude bei dieser Aufgabe und eine gesegnete Woche!

Ihr Frank Muchlinsky