Fastenmail 6: Stille

Marzena Skubatz

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Lukas 2,19, hier im Zusammenhang (Verse 15-24) vorgelesen von Helge Heynold.

Liebe Unentwegte,

die Fastenzeit strebt ihrem Höhepunkt und Abschluss zu. Die sechste Woche „ohne Stillstand“ hat begonnen, und siehe da, das Thema lautet „Stille“. Aber Stille und Stillstand sind nicht dasselbe. Das kann man sich schnell klarmachen. Stille kennt viele Abstufungen. Ein Ort kann stiller sein als ein anderer, obwohl man beide durchaus als ruhig und still empfindet. Der Stillstand kennt nur einen Zustand, eben das „Aus“. Man kann einen Stillstand nicht steigern oder abschwächen. Entweder etwas steht still oder nicht. Eine Stille kann mit Aktivität gefüllt sein. Von einer solchen aktiven Stille ist in dem Bibelvers die Rede, der für diese Woche ausgesucht wurde.

Wenn Ihnen die Worte bekannt vorkommen, Sie aber nicht genau wissen, woher, dann verrate ich es Ihnen gern: Der Vers ist Teil der Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Lukas erzählt, und wie wir sie jedes Jahr zu Heiligabend in der Kirche hören können. Ich brauche Sie also vermutlich nur kurz erinnern: Maria ist hochschwanger, als sie mit ihrem Mann Josef zu einer Reise aufbrechen muss, weil eine Volkszählung das verlangt. Die Umstände ihrer Schwangerschaft sind ausgesprochen bemerkenswert: Das Kind, das sie bekommen wird, ist nicht von ihrem Mann, sondern von Gott höchstpersönlich. Diese Information hat sie von einem Engel erhalten, der außerdem sagte, dass ihr Kind der ewige König Israels sein würde. Als Maria ihre ebenfalls schwangere Verwandte Elisabeth besucht, merkt deren Baby die Gegenwart des anderen Kindes und hüpft in ihrem Bauch. Daraufhin geraten beide Frauen in eine Art Verzückung und loben Gott. Maria ruft laut, dass ihr Kind einmal die Mächtigen von ihrem Thron stoßen wird.

Monate später dann die Volkszählung, die ungewollte Reise und eine Geburt in sehr ärmlichen Verhältnissen am Straßenrand bei den Tieren. Was Maria zunächst nicht mitbekommt, ist, dass in der Nähe Hirten eine Engelserscheinung haben. Auch ihnen wird verkündigt, dass der Retter, der Heiland geboren wurde. Die Hirten sollen gehen und nach dem Kind suchen. Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe. Noch in der Nacht der Geburt bekommt Maria darum Besuch von mehreren Viehhirten, die ihr erzählen, was ihnen von dem Engel über ihr Kind erzählt wurde: Der Heiland ist er, große Freude bringt er für das ganze Volk. Und dann heißt es: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Maria nimmt sich selbst in dieser überhaupt nicht stillen Nacht einen Moment der Ruhe und bewegt das in sich, was in der letzten Zeit auf sie eingestürmt ist. Das ist eine gute Sache, denn auf diese Weise übernimmt Maria wieder die Kontrolle über sich und ihr Leben. Ihr ist viel geschehen. Sie hat sich dem, was Gott mit ihr vorhatte, gefügt. Sie hat sich immer wieder anhören müssen, was das für ein Kind sein würde, das sie da zur Welt bringt, selbst aus ihrem eigenen Mund sprudelten die Prophezeiungen. Nun ist der Moment gekommen, an dem nicht mehr sie sich bewegen lässt. Ab jetzt bewegt sie selbst wieder das, was alles auf sie eingedrungen ist. Sie tut es in der Stille, sie bewegt es in ihrem Herzen, aber jetzt ist sie nicht mehr die Bewegte, sondern die Bewegerin.

Diese kluge Stille können wir uns ganz direkt von Maria abschauen. Auch auf uns ist so viel eingedrungen in der letzten Zeit. So vieles bewegt uns, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich werden wir angetrieben. Nicht selten reagieren wir auf diese äußeren Bewegungen mit einem inneren Stillstand. Wir versuchen, so gut wir können, uns nicht hin und her schleudern zu lassen, indem wir innerlich möglichst stillhalten. Doch was stillsteht, ist starr und droht zu zerbrechen. Viel besser ist es, wie Maria selbst zu bewegen, was mit uns geschieht. Sie bewegt das, was sie hört in ihrem Herzen. Sie lässt sich davon beeindrucken, aber sie setzt sich in eine Beziehung zu dem, was geschieht. Sie nimmt sich die Stille, die sie dafür braucht, und wird aktiv.

Als Wochenaufgabe sollten wir das unbedingt nachmachen. Nehmen Sie sich beim nächsten Hören der Nachrichten Zeit und bewegen Sie sie in Ihrem Herzen. Lassen Sie sich nicht nur von den Nachrichten bewegen, sondern bewegen Sie sie! Werden Sie eine Weile äußerlich still und innerlich aktiv. Übernehmen Sie die Kontrolle über sich und bewegen Sie die Worte in Ihrem Herzen! Wiederholen Sie die Übung!

Ich wünsche Ihnen eine Woche mit viel aktiver Stille!

Ihr Frank Muchlinsky