Fastenmail 5: Knoten lösen

Meike Kenn

Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten im selben Hause, und ich gebar bei ihr im Hause. Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und wir waren beieinander, und kein Fremder war mit uns im Hause, nur wir beide. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als deine Magd schlief, und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm. Und als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und so redeten sie vor dem König.

Und der König sprach: Diese spricht: Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene spricht: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach der König: Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König – denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn – und sprach: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen! Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet's nicht; die ist seine Mutter. Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.
1. Könige 3,16−28 in der Übersetzung der Lutherbibel von 2017. Hier vorgelesen von Helge Heynold.

Liebe Söhne und Töchter von Müttern und Vätern,

wie geht es Ihnen mit dem Üben? Haben Sie etwas gefunden, das zu üben Ihnen Freude bereitet? Oder üben Sie sich ausschließlich in dem, was wir alle üben müssen: Geduld, Mut, Hoffnung? Ich habe von Menschen gehört, die endlich wieder gemeinsam im Posaunenchor üben können. Ich habe erlebt, wie andere sich darin üben, möglichst Kraftstoff sparend Auto zu fahren und sich darüber freuen können. Ich habe mich darin geübt, nicht alles selbst zu machen, sondern anderen zu vertrauen, dass sie es auch gut hinbekommen. Ich übe mich weiter im Brotbacken und im Trotzdem-tun-worauf-ich-keine-Lust-Habe.

In dieser Woche geht es um eine der schwierigsten Übungen. Es geht darum, gleichzeitig das Lieben und das Loslassen zu üben. Ich weiß, dass die Geschichte vom weisen Salomo vor allem erzählt wurde und wird, um deutlich zu machen, was für ein schlauer Kopf Salomo war. Und es ist ja auch eine spannende kleine Erzählung und es verwundert nicht, dass sie so berühmt wurde. Andererseits geht mir die Geschichte auch gegen den Strich, wenn man sie so liest: Zwei Frauen streiten sich, ein weiser Mann entlarvt die Lügnerin durch einen geschickten Schachzug und verhilft der anderen Frau so zu ihrem Recht. Für mich ist Salomo nicht der eigentliche Held der Geschichte. Sicherlich, er setzt geschickterweise darauf, dass die wahre Mutter des Kindes, um das sich beide streiten, das Kind nicht sterben lassen will und behält recht damit. Aber die eigentliche Heldentat begeht die Mutter selbst. Sie ist diejenige, die sich in Sekundenschnelle dafür entscheiden muss, ihr Kind zu verlieren, um es zu retten.

Diese Frau vollzieht die Trennung von ihrem Kind in einem einzigen Moment, weil sie blitzschnell abwägen kann, dass das Wohl ihres Kindes hier wichtiger ist als ihr eigenes. Üblicherweise sind das Prozesse, die Jahre brauchen. Eltern müssen immer wieder üben, ihre Kinder zu deren eigenem Wohl ziehen zu lassen. Das tut weh, und viele Eltern hadern damit und verweigern ihren Kindern die Ablösung, die sie dringend brauchen. In der Regel aber verstehen sie diese Notwendigkeit und lassen los, wenn es sein muss. Darin wird ein Teil der elterlichen Liebe sichtbar. In der Geschichte heißt es: „Ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn.“ Ich stelle es mir wie eine Art Liebes-Stichflamme vor, die da in ihr auflodert. Entweder sie lässt das Kind sofort los oder es stirbt. Man könnte einwenden, dass das insofern „nichts Besonderes“ ist, weil sich jede Mutter für das Leben ihres Kindes entscheiden würde. Das mag stimmen, schließlich hat ja auch Salomo genau damit gerechnet. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Frau hier eine Heldinnentat vollbringt, indem sie verzichtet, um zu retten.

Und nun komme ich doch noch auf Salomo zu sprechen. Seine Weisheit in dieser Geschichte liegt anscheinend darin, dass er diesem Aufflammen der Liebe vertraute. Es ist davon auszugehen, dass Salomo wusste, dass die Mutter des Kindes lieber ihre Beziehung zu dem Kind aufgeben als es sterben lassen würde. Salomo setzte also alles auf Liebe und gewann. Darum möchte ich als Wochenaufgabe vorschlagen, dass Sie es wie Salomo machen: Trauen Sie der Liebe mehr zu, als Sie das vielleicht ohnehin schon tun! Halten Sie es für denkbar und logisch, dass die Herzen der Menschen in Ihrer Umgebung im richtigen Moment in Liebe entbrennen. Trauen Sie das sogar Menschen zu, die Sie nicht kennen! Das führt schließlich dazu, dass Leben gerettet werden.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und grüße Sie herzlich!

Ihr Frank Muchlinsky