Fastenmail 3: Dranbleiben

Melina Mörsdorf

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): „Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.
Matthäus 4,1-11 in der Übersetzung der Lutherbibel 2017, hier vorgelesen von Helge Heynold.

Liebe Leute auf langem Weg,

Menschen lieben Abkürzungen. Es liegt in unserer Natur, dass wir uns freuen, wenn wir schneller an ein Ziel gelangen, als wir geplant haben. Wir seufzen erleichtert, wenn eine neue Kasse im Supermarkt öffnet. Wir danken unserem Navi, wenn es uns rechtzeitig vor einem Stau warnt. Wir greifen zu diversen Arzneien und Hausmitteln, die uns versprechen, dass sich unsere Erkältung dadurch verkürzt. Wenn wir vor Problemen stehen, bevorzugen wir solche Vorschläge, die eine möglichst schnelle Lösung versprechen. Es bricht Krieg aus, und die Lösung lautet: mehr Geld für Rüstung. Das Gas wird knapp? Wir brauchen mehr Kohle und Kernkraft!

Wir sind so sehr an der Lösung aktueller Probleme interessiert, dass uns die langfristigen Perspektiven aus dem Blick geraten. Das ist, wie gesagt, absolut menschlich, und ich verurteile es keineswegs, wenn jemand zunächst die nahe liegenden Probleme lösen will. Nur müssen wir uns der Gefahr bewusst sein, die droht, wenn wir dabei das große Ziel aus dem Blick verlieren. Abkürzungen sind verführerisch, aber sie können dazu führen, die gesamte Reise zu gefährden. Davon erzählt unser heutiger Bibeltext.

Jesus begegnet dem Teufel, der ihn mal so richtig auf die Probe stellen soll. Der Teufel stellt sich dabei ausgesprochen geschickt an. Jesus hat lange gefastet. Natürlich ist er hungrig. Darum bietet der Teufel ihm die erste Abkürzung an: „Komm schon! Ein bisschen Machtmissbrauch und Hokuspokus, und schon kannst du was essen!“ Da schwingt geheuchelte Fürsorge mit: „Sorg für dich! Was machst du es dir so schwer?“ Jesus pariert diese Versuchung mit einem Bibelzitat, das deutlich macht: Es geht um mehr! Der Teufel legt nach, indem er Jesus auf den Tempel führt. „Okay, wenn du die Bibel so ernst nimmst, dann bitte. Da steht auch, dass Gott dich beschützt. Engel werden dich tragen. Stürz dich hinab, dann schauen wir mal.“ Wieder bietet der Teufel eine Abkürzung an: „Der direkte Weg von hier nach da unten ist der freie Fall. Wird schon gut gehen!“ Jesus weigert sich erneut, die Abkürzung zu nehmen, und entgegnet wieder: „Der Preis ist zu hoch, denn ich müsste Gott versuchen dafür.“ Man könnte ergänzen: Dann lieber darauf hoffen, dass ich mir auf dem mühsamen Abstieg nichts breche.

Der Teufel gibt aber noch nicht auf. Er weiß es natürlich auch, dass man bei großen Aufgaben am Ball bleiben muss. Allerdings geht er nun auch aufs Ganze: Er bietet Jesus an, ihn zum Teilhaber an seinem Machtbereich zu machen, wenn er ihm Loyalität schwört. Das sind in der biblischen Gedankenwelt durchaus keine leeren Versprechungen. Das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, bedeutet den Bereich, in dem Gott tatsächlich die Herrschaft innehat. „Dieser Bereich wächst“, sagt Jesus, und wo Jesus wirkt, kann man ihn ganz deutlich erkennen. Aber noch ist es eben nicht so weit, dass sich Gottes Reich über die ganze Welt ausgebreitet hätte. Noch herrschen ganz andere Mächte auf der Erde, und der Teufel hält sie alle zusammen. So die Vorstellung der Bibel, die von der Begegnung Jesu mit dem Teufel erzählt. Was also bietet der Teufel Jesus hier an? Die größtmögliche Abkürzung. Einmal den Falschen anbeten und gleich die Mission erfüllt haben, für die Jesus gekommen ist.

Jesus wählt wieder den langen Weg. Dieser Weg führt ihn durch Schmerzen und den Tod, aber er wählt ihn, weil er weiß, dass er sein Ziel nicht durch Abkürzungen erreichen kann. Wieder geht es um Größeres, nicht um eine Herrschaft Gottes auf Erden, sondern um Gottes Reich. Nur wenn Jesus seinen Weg bis zu Ende geht, durch das Leiden und den Tod, kann er den Tod auch überwinden. Hier auf dem hohen Berg, als der Teufel ihm anbietet, einen viel angenehmeren Weg zu nehmen, hat Jesus die Antwort schnell bei der Hand: „Hau ab! Der Preis ist zu hoch.“ Später, kurz vor seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane, zeigt Jesus, wie schwer es auch für ihn ist, nicht den einfacheren Weg zu wählen. Zweimal bittet er Gott darum, nicht „diesen Kelch“ trinken zu müssen (u. a. Matthäus 26,42). Dann geht er den langen Weg bis zum Schluss.

Lassen Sie uns nicht nur in dieser Woche darauf achten, was auf dem Spiel steht, wenn wir die schnellen Auswege suchen und die Abkürzungen einschlagen! Als Wochenaufgabe schlage ich Ihnen vor, das einmal zu üben: Verzichten Sie bewusst auf eine Abkürzung, die sich Ihnen anbietet. Behalten Sie im Blick, wohin Sie wollen, und gehen Sie den langen Weg! Nehmen Sie Umwege in Kauf, und schauen Sie währenddessen auf das, was Sie dadurch gewinnen!

Eine gesegnete Woche wünsche ich.

Ihr Frank Muchlinsky

P.S.: Bis Dienstag gab es bei der Anmeldung zum Bibliolog Online am kommenden Freitag technische Probleme. Wir konnten diese mittlerweile beheben. Sie können sich ab sofort wieder hier anmelden. Übrigens kann man jederzeit dabei sein. Die Veranstaltungen bauen nicht aufeinander auf.