Vierte Fastenmail: Zeig deine Fehlbarkeit

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Eivind H. Natvig/INSTITUTE/Eivind H. Natvig

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? (Genesis 3,7-11)

Liebe Fastengemeinde,

wie schön, dass Sie weiterhin dabei sind! Ich hoffe, dass Ihnen die gemeinsame Zeit mit dem Seinlassen immer noch guttut. Wir sind in der Mitte der Fastenzeit angekommen und haben uns bereits mit Segen, Mitgefühl und Liebe beschäftigt. Drei schöne Sachen, bei denen das Motto „Zeig dich“ keine allzu große Herausforderung ist. Wir zeigen gern Mitgefühl und Liebe. Nun aber ist die Zeit reif für eine besondere Aufgabe. „Zeig deine Fehlbarkeit“, heißt es in dieser Woche. Dazu bekommen wir die Geschichte aus der Bibel angeboten, die wie kaum eine andere dafür steht, etwas falsch zu machen: die Geschichte von der Frucht im Garten, die der Mensch nicht essen soll, die er aber trotzdem isst.

In der Lutherbibel wird diese Geschichte auch in der neuesten Ausgabe immer noch mit „Der Sündenfall“ überschrieben, obwohl das Wort Sünde in der Geschichte überhaupt nicht vorkommt. Aber unsere christliche Tradition sieht hier buchstäblich den Ursprung allen Übels. Der Mensch hat Gottes Gebot gebrochen, und darum ist die gesamte Menschheit zu allen Zeiten sündig. Man könnte allerdings auch ganz anders an die Geschichte herangehen: Die beiden Menschen, die von der Frucht essen, haben von der angedrohten Konsequenz überhaupt keine Ahnung. Sie wissen lediglich, dass Gott ihnen gesagt hat: „Von diesem Baum dürft ihr nicht essen, sonst müsst ihr sterben.“ Dabei wissen die beiden noch gar nicht, was Tod überhaupt sein soll. Sie bekommen also einerseits einen Baum direkt vor die Nase gesetzt (Gott pflanzt ihn ausgerechnet mitten in den Garten!) und dann bekommen sie gesagt: „Esst nicht davon!“ Vermutlich hätten die beiden nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt, wäre das nicht die Wirkung der Frucht gewesen: die Erkenntnis von Gut und Böse. Im Grunde genommen, so könnte man mit guten Gründen argumentieren, sind die beiden Menschen in der Geschichte im Stadium kleiner Kinder, und ihre angebliche große „Sünde“ ist nichts anderes als ein bloßes Naschen.

Aber passen wir auf, dass wir nicht dieselben Fehler machen, wie die beiden in der Geschichte. Sie reagieren nämlich auf ausgesprochen typische Weise: Erst verstecken sie sich, und dann versuchen sie, sich herauszureden: „Sie gab mir davon“, ruft der Mann. „Die Schlange hat mich verführt“, sagt die Frau. Ganz egal, ob wir in dieser Geschichte eine große Sünde oder auch nur ein Naschen sehen, es bleibt dabei: Die beiden haben etwas getan, das Gott ihnen eindeutig verboten hatte, und die beiden wissen das. „Zeig deine Fehlbarkeit“, heißt es in dieser Woche. Als Gott durch den Garten geht und nach ihnen ruft, schaffen sie es immerhin, sich zu zeigen. Sie versuchen nicht, irgendwie „davonzukommen“. Sie schämen sich ganz offensichtlich, treten aber schließlich vor und lassen sich konfrontieren mit dem, was sie falsch gemacht haben.

Was braucht es dazu, dass wir sozusagen „aus dem Gebüsch kommen“ und uns unseren Fehlern stellen? Braucht es unbedingt die Hoffnung darauf, dass uns vergeben wird? Wenn das so ist, dann haben wir es schwer, denn darauf können wir zumindest gegenüber anderen Menschen nicht grundsätzlich hoffen. „Zeig dich“ ist noch etwas anderes als „Bitte um Vergebung“. Es ist sozusagen eine Vorstufe dazu. Es bedeutet, zu dem eigenen Fehler zu stehen, aus dem Versteck zu kommen. Was also braucht es, den Mut dafür aufzubringen? Vielleicht hilft die Einsicht weiter, die auch im Motto für diese Woche steckt: Es heißt ja nicht „Zeig deine Fehler“ sondern „Zeig deine Fehlbarkeit“. Darin steckt die Erkenntnis, dass ich eben tatsächlich nicht perfekt bin, sondern gar nicht anders kann, als auch Fehler zu machen. Das soll nicht zur Ausrede werden, nach dem Motto: „Du musst mich eben nehmen, wie ich bin.“ Es soll eher wirken wie der Ruf Gottes im Garten: Es soll bewusst machen, dass es nur weitergehen kann, wenn man sich nicht vormacht, alles wäre gut.

Darum, so lege ich Ihnen heute nahe, nehmen Sie sich in dieser Woche einmal die Zeit, in aller Ruhe ein „Feigenblatt“ zu suchen, das Sie immer noch mit sich herumtragen. An welcher Stelle tun Sie so, als ob alles in Ordnung wäre, obwohl es das nicht ist? Wo verstecken Sie sich vor jemandem, dem gegenüber Sie etwas falsch gemacht haben? Gibt es eine Sache, die nicht weitergeht, weil Sie sich noch nicht trauen zuzugeben, dass Sie einen Fehler gemacht haben? Wie gesagt, lassen Sie sich Zeit beim Überlegen. Oft hilft es, sich ein Blatt Papier und einen Stift zu nehmen, der gut in der Hand liegt. Wie immer geht es hier nicht darum, dass Sie nach den großen Katastrophen in Ihrem Leben fahnden. Stattdessen geht es darum, Blockaden zu finden, die Sie ausräumen möchten, oder Verstecke, die Sie verlassen können.

Der nächste Schritt erklärt sich von selbst. Zeigen Sie sich demjenigen, den es etwas angeht! Vielleicht nicht sofort, aber schmieden Sie einen festen Plan, den Sie bald durchführen können. Behalten Sie dabei im Kopf, dass es nicht unbedingt gesagt ist, dass man Ihnen vergibt, was Sie falsch gemacht haben. Es geht darum, dass es weitergehen kann. Als die beiden Menschen im Paradies sich Gott zeigten, bekamen sie die Konsequenzen ihres Fehlers genannt und Gott schickte sie hinaus in die Welt. Vorher zog er sie noch an, damit sie nicht nackt bleiben mussten. Die Geschichte konnte weitergehen, beziehungsweise in diesem Fall: Die Geschichte konnte beginnen. Und vergeben wird uns schlussendlich auch. Darauf dürfen wir uns bei Gott verlassen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

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