Siebte Fastenmail: Zeig dich Gott

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Jewgeni Roppel

Liebe Mitfastende,

die Karwoche ist da. Die großen Feiertage sind nah, und unsere gemeinsame Fastenzeit neigt sich dem Ende zu. Sieben Wochen haben wir uns gezeigt, sieben Wochen haben wir darauf verzichtet, uns zu verstecken. Nun stehen uns die tiefste Trauer und die größte Freude bevor, die das Kirchenjahr bereithält. Und dazu ein letztes Wochenmotto: Zeig dich Gott! Dazu eine Geschichte, die viele von Ihnen vielleicht schon im Kindergottesdienst kennengerlernt haben: Jona, der Prophet wider Willen. Jona bekommt den Auftrag, nach Ninive zu gehen, sozusagen in die Metropole des Bösen. Dort soll er sich zeigen und den Bewohnern predigen, dass Gott ihnen ein Ende machen wird. Jona bekommt es mit der Angst und versucht, seinem Auftrag zu entgehen, indem er vor Gott flieht. Aber wie soll man vor Gott fliehen? Jona besteigt ein Schiff, das ihn möglichst weit weg bringen soll, eine ganze Welt will er zwischen sich und Gott bringen. Doch dann kommt ein Sturm auf, und Jona wird klar, dass er selbst der Grund dafür ist, dass das Schiff unterzugehen droht. Es lässt sich über Bord werfen und sinkt in die Tiefe.

Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches und sprach:
Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade. Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen. Hilfe ist bei dem HERRN.
Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land. (Jona 2,1–11)

Jona ist unfreiwillig an den einzigen Ort gelangt, an dem Gott tatsächlich fern ist: In der Tiefe sind die „Riegel der Erde“, die das Chaos von der belebten Welt trennen. Hier schreit Jona nach Gott, vor dem er eigentlich fliehen wollte, und Gott rettet ihn auf sehr wundersame Art und Weise: Jona wird von einem großen Fisch verschluckt und lebt ganze drei Tage in dessen Bauch. Und er betet ein Dankgebet. Ich finde das erstaunlich, denn Jona dankt für seine Rettung, während er im Inneren eines Fisches sitzt. Jona sagt, dass er bereits gerettet ist, obwohl er längst noch keinen festen Boden unter den Füßen hat. Aber das Schlimmste ist vorüber. Jona ist nicht ertrunken, er hat nach Gott gerufen und Gott hat ihn zumindest fürs Erste gerettet.

Ich mag die Haltung, die hinter diesem Dankgebet steht: Man muss nicht abwarten, bis wirklich alles in bester Ordnung ist, um festzustellen, dass Gott rettet. Man kann sich in einer unmöglichen Situation befinden und sich trotzdem klarmachen, wie sehr Gott mir bereits geholfen hat. Aus dieser Dankbarkeit heraus verspricht Jona, seine Gelübde zu halten. Er wird nach Ninive gehen, aber nicht aus Angst vor Gott, sondern aus Dankbarkeit. Das ist die Haltung, mit der wir durch die Fastenzeit gehen: Wir wissen um das, was uns noch festhält wie der Bauch eines Fisches unter dem Meer: Der Boden kann noch schwanken, um uns herum kann es dunkel sein. Unsere Zukunft kann ungewiss sein. Aber wir fallen eben nicht mehr in die Tiefe, wir ertrinken nicht im Chaos, weil Gott uns hält. Darum verzichten wir in der Fastenzeit auf Unnötiges. Darum zeigen wir unseren Mut, unser Mitgefühl, unsere Liebe, unsere Fehlbarkeit: Nicht weil wir Gott beeindrucken wollen, nicht weil wir Angst vor Gott haben müssen, sondern weil wir ihm dankbar sein können.

Als Jona in der tiefsten Tiefe versunken ist, tut er zum ersten Mal das, was er längst hätte tun können: Er ruft nach Gott, er betet. Er zeigt sich Gott. Als er gerettet wird, betet er weiter. Wie viel hätte sich Jona ersparen können, wenn er sich gleich Gott gezeigt hätte, wenn er Gott von seiner Angst erzählt hätte, nach Ninive zu gehen! Beten bedeutet, dass wir Gott hinhalten, was uns bewegt. Das kann der Schrei aus der Tiefe sein oder das Dankgebet nach einer Rettung. Beten kann man mit wohlgesetzten Worten, wie sie in unserem Bibeltext stehen, oder auch stammelnd und stockend.

Darum lege ich Ihnen heute ans Herz, dass Sie immer wieder beten – weit über die Fastenzeit hinaus, ohne Ende! Wer sich Gott im Gebet zeigt, kann seine Nähe spüren. Wenn Sie bereits regelmäßig beten, dann lassen Sie nicht nach damit! Finden Sie neue Anlässe und Gelegenheiten! Wenn Sie nicht recht wissen, wie Sie überhaupt mit dem Beten anfangen sollen, versuchen Sie, sich vorzustellen, dass Sie sich tatsächlich Gott zeigen. Schließen Sie die Augen. Das hilft dabei, dass Sie sich nicht ablenken lassen. Dann stellen Sie sich vor, wie Gott sie anschaut. Halten Sie dem Blick stand, denn er ist voller Liebe. Vielleicht kommen Ihnen Worte dabei in den Sinn, vielleicht sind es auch einfach ungeordnete Gedanken und Gefühle. Lassen Sie all das einfach zu und verlassen Sie sich darauf, dass Gott all das versteht. Suchen Sie sich Zeiten und Gelegenheiten, an denen Sie beten. Gönnen Sie es sich, mit Gott allein zu sein, sich Gott zu zeigen. Sie müssen nichts versprechen. Sie müssen nichts erbitten. Genießen Sie es, gesehen zu werden!

 

Liebe Mitfastende, es hat mir viel Freude gemacht, diese sieben Wochen in Gedanken mit Ihnen zu verbringen. Zum Schluss erlaube ich mir noch zwei Tipps: Das evangelische Magazin chrismon plus ist Partner von 7 Wochen Ohne. Unter diesem Link bekommen Sie drei Ausgaben geschenkt. Und wenn Sie auch außerhalb der Fastenzeit gern von mir und aus der evangelisch.de-Redaktion lesen möchten, abonnieren Sie unseren Newsletter! Darin stellen wir künftig einmal pro Woche Aktuelles und Nachdenkliches rund um Glauben und Kirche zusammen. Der Newsletter kommt per E-Mail. Er ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit wieder abbestellt werden. Hier geht es zum Bestellformular.

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Karwoche und ein Osterfest voller Leben und Freude!

Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

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