Sechste Fastenmail: Zeig, wofür du stehst

Liebe Mitfastende,

willkommen in der vorletzten Fastenwoche! Willkommen auch im kalendarischen Frühling – auch wenn das Wetter den Frühling noch nicht so recht mitmachen will. Es geht auf Ostern zu, und so ist es nicht verwunderlich, dass unser Bibeltext für diese Woche einer ist, der im Grunde schon in die Karwoche gehört. Jesus ist bereits verhaftet, und die Menschen um ihn haben sich zunächst verstreut.

Petrus aber saß draußen im Hof. Und es trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht. Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich. Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Mt 26,69–75)

Die Szene, die da beschrieben wird, ist ausgesprochen traurig. Ausgerechnet Petrus wird zum Feigling. Der Fels, auf dem Jesus seine Kirche bauen wollte, bröckelt, bevor es überhaupt eine Kirche gibt. Als Jesus ihn berief, zögerte Petrus nicht, er ließ alles stehen und liegen und zog mit ihm. Petrus war der Erste, der erkannte, dass dieser Jesus mehr ist als ein begabter Rabbi oder Prophet. Allerdings wusste Jesus schon länger, dass Petrus dazu neigen konnte, den Mut zu verlieren. Petrus war mutig genug, mitten im Sturm aus einem Boot zu steigen, um auf dem Wasser auf Jesus zuzugehen. Als er jedoch sah, wie gefährlich das tatsächlich ist, fing er an zu versinken. Und nun ist es so weit: Der Mann, der noch beim letzten Abendmahl vor ein paar Stunden großspurig verkündigt hat, er würde niemals von Jesu Seite weichen, flieht und weint bitterlich, weil ihn der Mut verlassen hat.

Warum wurde ausgerechnet diese Geschichte für das Wochenmotto „Zeig, wofür du stehst“ ausgesucht? Ausgerechnet eine Geschichte, in der die Hauptperson so deutlich versagt! Um es gleich zu sagen: Mir gefällt diese Wahl ausgesprochen gut. Wenn ich ermutigt werden soll, offen und deutlich zu zeigen, wofür ich stehe, helfen mir Heldengeschichten wenig weiter. Der mutige Bekenner, der sich für seine Sache, ohne zu zögern, umbringen lässt, ringt mir zwar Bewunderung ab, aber nachahmen werde ich ihn deswegen nicht. Da ist mir Petrus viel näher: Mit Elan dabei und fähig, immer wieder aufzustehen, wenn er hinfällt. Denn machen wir uns klar: Soweit es die Bibel bezeugt, hat Petrus nie wieder seinen Glauben verleugnet. Und was hätte es gebracht, wenn Petrus sich in dieser Nacht zu Jesus bekannt hätte? Vermutlich wäre er ebenfalls verhaftet und hingerichtet worden. So aber konnte er den richtigen Moment nutzen, sich zu Jesus zu bekennen. Fünfzig Tage nach Ostern steht Petrus mitten in Jerusalem und verkündigt lauthals, dass dieser Jesus der Christus ist.

Jesus suchte sich Petrus als besonderen Jünger aus, nachdem er auf dem See ein paar Schritte gelaufen und dann eingesunken war. Er kannte seinen Mut und seine Angst. Und er wusste, wie wichtig Petrus die Sache war, zu der er ihn berufen hatte: Petrus weint in dieser Nacht bitterlich, weil ihm Jesus so wichtig ist.

Was also ist drin in der Geschichte für uns und unser Vorhaben, nicht zu kneifen, sondern zu zeigen, wofür wir stehen? Zum einen die Erlaubnis, den Mut zu verlieren: Wir müssen nicht unter allen Umständen für unseren Glauben oder anderes, das uns besonders wichtig ist, einstehen. Zum anderen: Wir dürfen weinen, wenn uns der Mut verlässt. Wir dürfen uns klarmachen, dass wir der Angst nachgegeben haben, obwohl wir es eigentlich anders gewollt hätten. Und schließlich müssen wir nicht aufgeben, sondern dürfen es richtig machen, sobald sich die Gelegenheit ergibt.

Darum möchte ich Ihnen in dieser Woche das Folgende raten: Machen Sie Ihren Rücken gerade! Setzen Sie sich aufrecht hin, stehen Sie aufrecht. Nehmen Sie die richtige Haltung an, um sich zu dem bekennen zu können, was Ihnen wirklich wichtig ist. Erinnern Sie sich immer wieder daran! Spüren Sie, wenn Sie sich sinken lassen und richten Sie sich wieder auf. Ich selbst mag es, mich an meine Vorhaben erinnern zu lassen. Darum mache ich mir einen Klebezettel an meinen Computermonitor. Vielleicht finden Sie einen Weg, der zu Ihrem Alltag passt. Spüren Sie Ihr Rückgrat, und machen Sie sich aufrecht. So werden Sie leichter merken, wenn es gefragt ist, dass Sie zu dem stehen, was Ihnen wichtig ist. Es geht nicht darum, dass Sie Ihre Meinung zu allem sagen, was Ihnen begegnet. Es geht um die wirklich wichtigen Dinge. Stehen Sie zu den Dingen, bei denen Sie ahnen, dass Sie weinen werden, wenn Sie nichts sagen.

Machen wir unsere Rücken gerade und den Mund auf!

Eine sehr gute Woche für Sie!

Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

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