Zweite Woche 2017

Zweite Woche:  Nicht sofort entscheiden (Matthäus 1,18–24)

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben“, das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.  

Liebe Mitfastende,
ich grüße Sie herzlich zum Beginn unserer zweiten gemeinsamen Woche „ohne Sofort“. Diesmal geht es darum, sich nicht sofort für zu etwas zu entscheiden. Das ist ein Aufruf, der nicht ohne weiteres auf Zustimmung stößt. Wir mögen gern spontan sein. Spontaneität ist ein Zeichen von Unabhängigkeit. Wenn wir uns spontan entscheiden können, heißt das in vielerlei Hinsicht, dass wir es uns leisten können. Warum sollte man sich also Zeit lassen mit dem Entscheiden? Warum nicht sofort? Nun, weil jede Entscheidung Konsequenzen hat. Wenn diese Konsequenzen groß sind, wird es uns wichtiger, dass die Entscheidung möglichst die richtige ist und nicht aus dem Affekt heraus getroffen wird.

Einige jüdische Eltern, die auf koschere Ernährung ihrer Kinder achten, haben eine einfache Hilfe für die Kinder parat, wenn es um die Entscheidung geht, ob sie etwas essen sollen oder nicht. Sie nutzen das Bild einer Ampel, die „gelb“ zeigt: „Wenn du nicht sicher bist, mach dich bereit anzuhalten. Dir werden Gummibärchen angeboten? In denen könnte Gelatine stecken, die aus Schweineknochen gewonnen wurde. Frag also erst nach, und im Zweifelsfall halt an und fahre nicht einfach weiter.“ Auch wenn Christinnen und Christen sich nicht an die jüdischen Speisevorschriften halten, können wir hier eine Grundhaltung erkennen, die sich zu lernen lohnt: Lass dich in deinen Entscheidungen verunsichern. Dein Leben besteht nicht aus „grüner Welle“, sondern du solltest immer mit gelben und roten Ampeln rechnen. Darum ist der Ratschlag für diese Woche gut: „Nicht sofort entscheiden!“ Trotzdem: Mit dem Anhalten ist nur die Hälfte geschafft, wenn es darum geht, eine richtige Entscheidung zu treffen. Wenn ich anhalte, habe ich Zeit zum Überlegen und Abwägen, was wohl richtig ist. Im Falle eines jüdischen Kindes, das sich überlegen will, ob ein Essen koscher ist oder nicht, helfen Nachfragen und Nachdenken weiter.

Manchmal reicht das Abwägen allerdings nicht aus. So in der biblischen Geschichte, die uns für diese Woche vorgeschlagen ist. Die Verlobte des frommen Mannes Josef wird schwanger. Da die beiden bislang nicht miteinander geschlafen haben, ist klar, dass Josef nicht der Vater sein kann. Was soll er tun? Er denkt nach und überlegt, Maria heimlich zu verlassen. Auf diese Weise muss er sie nicht öffentlich bloßstellen. Josef lässt sich Zeit für seine Entscheidung. Er handelt nicht aus dem Affekt, er überlegt. Aber seine endgültige Entscheidung trifft er noch einmal auf ganz andere Weise: Noch während er überlegt, geschieht Unglaubliches. Ein Engel besucht ihn im Traum und erklärt ihm, dass die Sache schon ihre Richtigkeit habe und dass Marias ungeplante Schwangerschaft Teil eines großen Heilsplanes sei. Die Erscheinung des Engels muss auf Josef einen enormen Eindruck gemacht haben, in der Bibel heißt es einfach, Josef tat, „wie der Engel ihm befohlen hatte“. Wie schnell wird das wohl gegangen sein? Was mag in Josef vorgegangen sein, dass er zu dieser Entscheidung kommt? Die einfachste Erklärung ist anzunehmen, dass er einfach so fromm war, dass er selbstverständlich dem Engel gehorchte. Das kann ja auch eine Hilfe bei Entscheidungen sein: gar nicht selbst entscheiden, sondern die Entscheidung anderen zu überlassen.

Vielleicht hat Josef sich aber auch nach dem Aufwachen noch einmal Zeit genommen. Im Traum war ihm die Entscheidung abgenommen worden. Nun hatte er eine besondere Chance: Er konnte in sich hineinhören und herausbekommen, wie sich diese Entscheidung anfühlt. Wie fühlt es sich an, bei Maria zu bleiben, ohne Beweis, stattdessen mit einer Verheißung? Wie fühlt es sich an, wenn er sich ausmalt, mit dieser Familie zu leben? Der Engel hat Josef eine Chance eröffnet, eine wirklich gut überlegte Bauchentscheidung zu fällen. Bauchentscheidungen müssen nämlich keine spontanen Affekthandlungen sein wie ein Impulskauf an der Supermarktkasse. Wer wirklich auf den eigenen Bauch hören will, muss sich dafür Zeit nehmen und sich wirklich vorstellen, wie es denn wohl ist, wenn man sich so oder so entscheidet.

Das können Sie gut selbst ausprobieren. Wenn bei Ihnen eine Entscheidung ansteht, bei der Sie sich nicht ganz sicher sind, was Sie tun sollen, dann lassen Sie einmal einen Engel für sich entscheiden. Machen Sie sich zwei Entscheidungsmöglichkeiten deutlich, die Sie haben, und weisen Sie beide den Seiten einer Münze zu. Werfen Sie die Münze und schauen Sie sich einmal ganz genau an, was diese „Entscheidung“ in Ihnen auslöst. Die Münze hat entschieden. Wie fühlt es sich an, wenn Sie diese Entscheidung zu Ihrer machen? Was sagt der Bauch wirklich? Natürlich sind Sie nicht an diesen Münzwurf gebunden. Sie können sich auch anders entscheiden, aber tun Sie einmal so, als wäre das nun der Weg, den Sie einschlagen werden, und spüren Sie ihm nach.

Wenn Ihnen der Bauch sagt, dass dies der falsche Weg ist, schauen Sie sich die andere Seite der Münze an. Wie steht es mit dieser Entscheidung? Und wenn Sie herausfinden sollten, dass es Ihnen mit dieser Entscheidung auch durchweg schlecht geht, dann brauchen Sie vielleicht eine ganz andere Lösung und einen neuen Münzwurf. Wichtig ist nur, dass Sie dem „Engel“ einmal die Chance geben, Ihnen zu sagen, was Sie tun sollen. Und vielleicht fühlt es sich irgendwann richtig an – vielleicht nicht vollständig gut, aber doch richtig. Dann wissen Sie bestimmt, wie es weitergehen soll. Probieren Sie es aus in dieser Woche – oder wann immer es für Sie etwas zu entscheiden gibt!

Herzliche Grüße!

Ihr Frank Muchlinsky

 

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

 

   

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