Erste Woche 2017

Erste Woche:  Alles hat seine Zeit (Prediger 3,1–4)

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. 

Liebe Freundin, lieber Freund von „7 Wochen Ohne“,

ich freue mich, dass Sie in diesem Jahr – vielleicht wieder – zusammen mit mir durch die Fastenzeit gehen möchten. „Sieben Wochen ohne Sofort“ lautet das Motto in diesem Jahr. Das klingt nach Geduld, und die passt genau in die Passionszeit. Wie der Advent ist die Passionszeit die Vorbereitungszeit auf ein ganz großes Fest. Und in solchen Vorbereitungszeiten neigen wir dazu, immer schon etwas von dem vorwegzunehmen, was noch nicht da ist. Wer aber gelernt hat zu warten, kann sich schließlich umso mehr freuen. Das ist ein alter Hut, aber er steht uns immer noch gut. Geduld ist der Ursprung aller menschlichen Kultur. Wenn wir nur Dinge täten, die man in einem einzigen Arbeitsschritt und ohne Pause fertigstellen kann – was hätte die Menschheit je geschaffen? Geduld ist es, die uns unsere Kinder erziehen lässt, die uns Streit und Gewalt vermeiden hilft. Geduld lässt uns auf große Konzerthäuser warten, auf Ostern und auf Gottes Reich.

Nur ist es – wie gesagt – schwer, geduldig zu sein. Unsere Hirne müssen ständig auf das Signal „Belohnung“ verzichten. Das ist im wahrsten Sinne unbefriedigend. Da die Geduld aber so viel Gutes schaffen kann, haben wir Menschen uns diverse Hilfsmittel geschaffen. Eines davon sind die klar begrenzten Zeiten, in denen wir bewusst und absichtlich auf etwas verzichten – im Wissen darum, dass diese Zeit begrenzt ist. Wir haben uns außerdem Spruchweisheiten ausgedacht, die uns beim Warten helfen: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist solch eine Weisheit. Sie steht allerdings derzeit nicht sehr hoch im Kurs, denn sie gibt dem Arbeiten grundsätzlich den Vorzug vor der Erholung. Immer der Arbeit den Vorzug zu geben, macht Menschen aber krank. Es braucht vielmehr eine Ausgewogenheit von Arbeit und Erholung. Auch wenn in der Spruchweisheit ein guter Ratschlag steckt: „Tu zunächst etwas, das dir Mühe macht! Wenn du das hinter dir hast, hast du den Kopf frei für alles andere.“

Der Bibeltext, der uns für diese erste Fastenwoche ausgesucht wurde, ist ebenfalls eine Spruchweisheit: „Alles hat seine Zeit.“ Das klingt zunächst beruhigend. Es klingt wie: „Nach der Ebbe kommt die Flut; auf Regen folgt Sonnenschein; keine Nacht währt ewig.“ Und es ist ja genau diese Erfahrung, die der Autor dieses Textes in vielen Beispielen aufzählt: Alles wechselt sich ab –unabhängig davon, wie schön oder schrecklich wir das jeweils finden. Wer also weint, darf sich sicher sein, dass es wieder eine Zeit des Lachens geben wird. Wer gerade tanzt, kann ebenso sicher sein, dass wieder eine Zeit zu trauern kommen wird. Dieser Bibeltext macht uns zunächst keine Vorschläge, wie wir mit dieser Tatsache, dass alles seine Zeit hat, umgehen sollen. Es ist lediglich eine Feststellung, dass nichts, was Menschen tun, Bestand hat. Die Konsequenzen aus dieser Aufzählung kann man darum durchaus selbst ziehen.

Ich möchte Ihnen heute den Vorschlag machen, der „Zeit zu fasten“ in den nächsten Wochen Platz zu schaffen. Es ist nämlich so, dass zwar „alles eine Zeit“ hat. Die Frage ist aber, ob wir allem auch die Zeit geben, die es braucht. Das wichtigste Hilfsmittel dazu ist der Kalender. Machen Sie Platz für das Warten! Tragen Sie die Termine ein, an denen Sie nichts anderes tun, als zum Beispiel in Ruhe diese E-Mails zu lesen. Wir verschicken sie immer mittwochs am Vormittag. Tragen Sie sich einen Termin ein, an dem Sie wissen, dass Sie normalerweise genügend Ruhe haben, sie zu lesen. Tragen Sie andere Tätigkeiten ein, die Sie sich im Rahmen der Fastenzeit vornehmen möchten. Vielleicht kommt es Ihnen merkwürdig vor, weil Sie ansonsten nur Termine in Ihren Kalender eintragen, die mit Ihrer Arbeit zu tun haben. Aber Sie möchten ja nicht, dass nur die Arbeit das Privileg bekommt, dass an sie erinnert wird. „Alles hat seine Zeit“ sollte auch für ihren Kalender gelten. Sie können auch noch weiter gehen als mit dem Eintragen von „Fastenterminen“. Machen Sie mit ihrer Partnerin oder Ihrem Partner ab, wann Sie das nächste Mal ein ausführliches Gespräch führen möchten, und tragen Sie das Datum ein. Tragen Sie sich ein, wann Sie das nächste Mal Ihre Eltern oder Kinder anrufen möchten. Machen Sie Ernst damit, dass alles seine Zeit hat – und braucht. Sie müssen sich nicht sklavisch an Ihren Terminkalender halten. Wenn etwas dazwischenkommt, können Sie neu planen. Es kommt darauf an, dass Sie sich erinnern lassen. Gönnen Sie sich die Zeit der Geduld!

Ich wünsche Ihnen eine schöne erste Fastenwoche! Bis bald,

Ihr Frank Muchlinsky

 

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

 

   

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