Fastenmail vom 14.02.

Ulrike Frömel

Herzlich willkommen in der Fastenzeit! Willkommen in einer Zeit, in der wir gemeinsam Unnötiges seinlassen und Belastendes loslassen! In diesem Jahr lautet das Motto der 7-Wochen-Ohne-Aktion „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“ Auf den ersten Blick erscheint das wenig herausfordernd. Es klingt wie elterliche Ermahnungen an ein Kind, das sich nicht so viel traut, wie die Eltern ihm zutrauen: „Komm, sei mutig, versteck dich nicht, steh dafür ein, was dir wichtig ist!“ Man kann diesem Motto sogar stirnrunzelnd entgegentreten und sagen: Ist das nicht genau eines der Probleme unserer Gesellschaft? Dass wir uns ständig selbst präsentieren auf Instagram, Facebook oder auch in den Schulen und am Arbeitsplatz? Wer kneift, verliert im Ringen um die Anerkennung anderer. Wer sich nicht zeigt, spielt gar nicht erst mit!

Aber Selbstdarstellung ist nicht gemeint mit dem Motto für diese sieben Wochen. Es geht nicht darum, sich zu präsentieren, sondern sich zu zeigen. Es geht eher darum, das zu zeigen, was uns ausmacht. Menschen verstecken sich bei Gefahr. Das gehört in unsere Natur ebenso wie in unsere Kultur: Sich zu verstecken ist eine ausgesprochen gute Strategie, wenn wir ernsthaft bedroht werden. In unserem Alltag aber werden wir zum Glück meistens nicht auf solche Weise bedroht, dass wir uns sicherheitshalber verstecken müssten. Wenn wir uns verstecken, dann meistens, weil wir etwas lediglich Unangenehmen aus dem Wege gehen wollen. Wer sich für etwas schämt, neigt zum Verstecken. Wer etwas plant, möchte vielleicht nicht, dass andere davon Wind bekommen. Wer am Stammtisch einmal anderer Meinung ist, behält die oft für sich. „Zeig dich!“ heißt also in unserem Fall: Hinterfrage die Gründe, die dich dazu bewegen, dich zu verstecken. Das hat sicherlich auch mit Mut zu tun, denn sich selbst infrage zu stellen, kann unbequem werden. Man könnte also sagen, es geht um „Sieben Wochen ohne das bequeme Kneifen.“ Daran möchte ich mich mit Ihnen zusammen machen. Dafür werde ich sieben E-Mails schreiben. Jede Woche möchte ich mit Ihnen das Wochenthema und den ausgesuchten Bibeltext anschauen und fragen: Wo liegt hier die Gefahr zu „kneifen“? Wie können wir dafür sorgen, dass wir hier nicht einfach bequem handeln? Fangen wir also an.

Die erste Woche

In dieser ersten Woche heißt das Motto „Gott zeigt sich“. Dazu hat man uns die Geschichte von Jakobs Kampf am Jabbok aus Genesis 32 ausgesucht. Wenn Sie jetzt gleich sagen: „Ach ja, die kenne ich beinahe auswendig“, dann lesen Sie sie am besten besonders aufmerksam und suchen Sie nach etwas, was Sie vielleicht noch nie entdeckt haben. Wenn Sie diese Geschichte noch gar nicht kennen, lassen Sie mich kurz erläutern, was bisher geschah: Jakob ist der Zwillingsbruder von Esau. Die beiden haben schon gestritten, bevor sie geboren waren. Ihre Mutter spürte sie schon in ihrem Bauch miteinander kämpfen. Esau war der Erstgeborene, was ihm allerdings wenig bedeutete, so lange es um nichts ging. So konnte ihm Jakob das Erstgeburtsrecht für ein einfaches Linsengericht abkaufen. Als Jakob allerdings ihren Vater überlistete, Jakob auch den einen Familiensegen zu spenden, der eigentlich Esau zustand, wollte Esau seinen Bruder umbringen. Jakob floh in das Land, aus dem seine Vorfahren stammten und machte dort sein Glück. Er gewann Frauen, Kinder und Reichtum. Schließlich aber wollte er zurückkehren in das Land seiner Eltern und Esaus. Die Geschichte für diese Fastenwoche ereignet sich am Fluss Jabbok, genau in der Nacht, bevor Jakob seinen Bruder wiedersehen wird.

Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. (Gen 32,25-30)

Jakob kämpft mit Gott. Wenigstens sagt das der Unbekannte, mit dem er ringt. Gott zeigt sich Jakob vollkommen unerwartet, ja überfallartig. Was will Gott von ihm? In einer völlig unerwarteten Art und Weise stürzt er sich auf Jakob: Wie ein Wasserdämon, aber mit einem Körper. Jakob kann ihn anfassen, kann ihn festhalten. Jakob kann ihm sogar etwas abringen: „Segne mich!“ Ich stelle mir vor, dass er diese Worte eher keucht als spricht, schließlich hält Jakob ihn, obwohl er verletzt ist, fest, sodass er nicht fortkann. Und der andere – Gott – lässt sich den Segen abringen. War das Gottes Plan bei dem Überfall? Dass Jakob um seinen Segen ringen soll, anstatt sich seinen Segen zu erschleichen?

Was wäre bequem gewesen?  

Gott hätte sich Jakob nicht zeigen müssen. Er hätte ihn einfach seiner Wege ziehen lassen können und zuschauen, was passiert, wenn er auf seinen Bruder trifft. Jakob hingegen hätte seinen Gegner ziehen lassen können, als der ihm sagte, er wolle fort. Aber anscheinend wollte er erstens wissen, mit wem er es zu tun hatte, und zweitens wollte er sich anscheinend unbedingt segnen lassen.

Ich schlage Ihnen vor, dass Sie in den kommenden sieben Wochen jedem Tag einen Segen abringen. Gehen Sie zum Beispiel so vor: Machen Sie sich eine Erinnerung, die Sie in Ihrem Schlafzimmer anbringen können. Das kann etwas ganz Einfaches sein: Legen Sie zum Beispiel Ihre Hand auf ein Blatt Papier, und zeichnen sie die Umrisse mit einem Stift nach. Hängen Sie diese „Segenshand“ bei sich im Schlafzimmer auf oder nutzen Sie irgendeine andere Art, sich jeden Abend vor dem Einschlafen zu erinnern. Wenn Ihr Tag vorbei ist, setzen oder stellen Sie sich hin und legen Sie eine Hand auf Ihre Hüfte. Das soll Sie an Jakobs Ringen erinnern. Die andere Hand öffnen Sie wie eine Schale. Nun blicken Sie auf Ihre offene Hand und konzentrieren Sie sich auf den vergangenen Tag. Suchen Sie nach dem Segen, den Sie erfahren haben. Das wird Ihnen manchmal sehr leichtfallen, manchmal kann es sein, dass Ihnen zunächst nichts einfällt, was Ihnen als Segen widerfahren ist. Suchen Sie dennoch weiter. Ringen Sie, bis Sie einen Segen finden, sei er auch noch so klein. Dann nehmen Sie die Hand von Ihrer Hüfte und legen sie unter die geöffnete Hand. Spüren Sie dem Segen noch eine Weile nach, bevor Sie sich schlafen legen.

Ich wünsche Ihnen eine gute erste Fastenwoche. Gott zeigt sich.

Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

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