Dritte Fastenmail: Zeig deine Liebe

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Kim Keibel

Liebe Mitfastende,

willkommen in der dritten Woche, in der wir gemeinsam darauf verzichten, uns zu verstecken. Das Motto für diese Woche klingt herrlich einladend und schon ein wenig nach Frühling: „Zeig deine Liebe!“ Ich kann mir schöne Gedanken machen und feine Ideen spinnen, wie ich dieser Aufforderung nachkomme. Aber natürlich ist das nicht so leicht, wie im ersten Moment gedacht. Die biblische Geschichte für diese Woche macht das sehr deutlich:

Und als er [Jesus] in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Markus 14,3–9)

Diese Bibelstelle hat es wirklich in sich. Es bleiben so viele Fragen offen, dass hier die wildesten Spekulationen Nahrung finden. Es wird nicht erzählt, wer die Frau ist, die Jesus hier salbt. Aber man machte aus ihr im Laufe der Geschichte mal eine Prostituierte, mal die Geliebte Jesu. Jesus hatte recht: Wo das Evangelium verkündet wird, da wird auch die Geschichte dieser Begegnung erzählt. Und dabei wird sie immer weiter ausgesponnen. Wir wissen eben nicht, welche Art von Zuneigung die Frau für Jesus empfindet. Sie taucht im Markusevangelium nur hier auf und verschwindet anschließend auch wieder. Ist es überhaupt Liebe, die sie das kostbare Öl „vergeuden“ lässt, wie einige Umstehende sagen? Nun, sie empfindet zumindest eine Zuneigung, eine große Wertschätzung, schließlich ist das Öl außerordentlich wertvoll. Und die Frau hält es für angemessen, Jesus den gesamten Inhalt der Alabasterflasche über den Kopf zu gießen. Zu ihrem Glück findet Jesus das ebenfalls angemessen, denn er deutet diese Geste als die Vorwegnahme seiner Totensalbung. Er macht deutlich: „Sie hat mir etwas Gutes getan.“

Wären da nur nicht die anderen Gäste im Haus! Für sie ist das, was die Frau tut, ausgesprochen unangemessen: Zu teuer! Zu viel! Oder sind diese Zuschauer der Szene bereits die Ersten, die hier eine Liebe wahrnehmen, die sie für unangemessen halten? Ist es ihnen vielleicht schlichtweg peinlich, dabei zuzusehen, wie eine Frau Jesus so nah kommt? Dieses Gefühl ist schließlich durchaus häufig: Man sieht, wie zwei Menschen in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen – oder zumindest etwas, das man für eine Zärtlichkeit hält – und denkt sich: „Bitte! Ich möchte da nicht zuschauen müssen!“ Und weil einem nichts Besseres einfällt sagt man so etwas wie: „Das geht gar nicht!“ In Amerika gibt es die schöne Aufforderung: „Get a room!“ („Besorgt euch ein Zimmer!“) Oder man sagt eben: „Das schöne Öl! Wie viele Arme hätten wir satt machen können!“

Wie gesagt: Die Frau hält ihren Ausdruck der Zuneigung für angemessen, und Jesus tut das ebenfalls. „Zeig deine Liebe?“ Dafür braucht es eine Menge Rückgrat, wenn man annehmen muss, dass andere das als unangemessen oder gar als anstößig erleben. Vielleicht braucht es sogar ein gewisses Maß an Unbedarftheit oder gar Unverschämtheit. Was also sollen wir in dieser Woche mit dem Aufruf „Zeig deine Liebe“ anfangen? „Scher dich nicht darum, wenn es anderen peinlich wird?“ Das ist doch wohl nicht gemeint. Nein, ich werde Ihnen bestimmt nicht raten, rücksichtslos zu werden. Aber ich möchte raten, dass Sie die Stimmen der „Umstehenden“ nicht in Ihrem Kopf vorwegnehmen. Ich rate Ihnen nicht zum großen Tabubruch. Ich rate Ihnen dazu, Ihre Zuneigung und Liebe auch in der Öffentlichkeit zu zeigen in einer Weise, die Ihnen und dem geliebten Gegenüber als angemessen erscheint. Sind Sie vielleicht über sechzig? Dann könnte es sein, dass Sie sich in der Öffentlichkeit keinen Kuss mehr geben, weil Sie vielleicht schon in Ihrem Kopf die Umstehenden sagen hören: „Unangemessen!“ Dabei ist es einfach wunderschön, sich mit einem Kuss zu begrüßen. Abstand nur deswegen zu halten, weil man annimmt, andere könnten unangenehm berührt sein, lässt uns unnötig kalt zurück.

Und noch eine Lehre lässt sich aus der „Salbung in Betanien“ ziehen, wenn es um die Liebe geht – ganz unabhängig davon, ob andere es sehen oder nicht: Große Zuneigung darf mit großen Geschenken gezeigt werden. Um auch hier gleich Missverständnissen vorzubeugen: Ich rate Ihnen nicht dazu, besonders viel Geld auszugeben für jemanden, der Ihnen am Herzen liegt – auch wenn das in der biblischen Geschichte tatsächlich der Fall ist. Ich möchte Ihnen nur empfehlen, verschwenderisch zu sein, wenn es um die Liebe geht. Und hier kommt nun tatsächlich mein ganz praktischer Ratschlag für diese Woche: Sparen Sie nicht mit Zärtlichkeit! Seien Sie verschwenderisch mit Komplimenten! Lächeln Sie im Überfluss! Verprassen Sie Ihre Freundlichkeit! Sie wird ja doch nicht weniger.

Eine schöne Woche wünscht

Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

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