Fasten

„7 Wochen Ohne“ heißt die Fastenaktion der evangelischen Kirche und der Name ist Programm. Hier geht es nicht so sehr darum, was man weglässt in den vierzig Tagen vor Ostern, es geht ums „Ohne“. Wenn wir Sie einladen, sieben Wochen auf etwas zu verzichten, dann nicht um besonders hart oder gar asketisch gegen sich selber vorzugehen. Vielmehr wollen wir dazu verhelfen, in dieser Zeit etwas freizulegen und in Bewegung zu bringen. Dafür soll Raum sein. Gestalten Sie Ihr Leben „7 Wochen Ohne“ und entdecken Sie die Fülle. Wer satt war, muss nicht unbedingt hungern, aber der Verzicht macht Appetit – auf das Leben.

Foto: Patrick Runte
Neue Wege – ein Stolpern im Takt
In der Fastenzeit verlassen wir ausgetretene Pfade, wir machen einen Bogen um den Kühlschrank, meiden den Zigarettenautomaten oder gehen überhaupt mal wieder zu Fuß. Wir entziehen uns Kalorien, Konsum oder Komfort. Wir brechen mit Gewohnheiten, selbstverständlichen Gesten des Alltags, machen etwas anders als sonst und bringen damit, leise und ohne ruckartige Bewegungen, gewohnte Ordnungen durcheinander. Vielleicht läuft alles nicht mehr ganz so rund und vorhersehbar wie sonst. Vielleicht stolpert man auf einmal im gewohnten Takt. Der Tagesablauf verschiebt sich, Zeit ist da, wo Hetze war. Ruhig und wach hören wir uns selber wieder – und Gott. Diese Zeit im Kirchenjahr lebt auf Veränderung und Erneuerung hin.
Foto: Frauke Thielking
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn (Mt 4,2)
Christliche Fastentraditionen erinnern an die vierzig Tage und Nächte, die Jesus nach seiner Taufe in der Wüste verbrachte und fastete. Im Alten Testament begegnen Menschen mit Fasten den Übergängen zwischen unterschiedlichen Phasen und Sphären. An der Nahtstelle von Leben und Tod, beim Trauern oder in Lebensgefahr wird gefastet – vornehmlich in Sack und Asche. Aber auch zu Gerichtsprozessen, an der Grenze von Recht und Unrecht, enthält man sich der gewohnten Speisen. Und wer sich an Gott wenden will, bereitet sich mitunter in einer Fastenzeit darauf vor.
Seit Jesu Tod besinnen sich Christen durch Fasten auf das Leiden und Sterben Jesu Christi. Vom Ende der Fastenzeit her leuchtet Ostern, die Auferstehung, das Leben nach dem Tod.
Foto: Paula Winkler
Die andere Skizze von mir
Fasten kann ein jährlicher kleiner Entwurf sein: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich nicht jeden Abend auf dem Sofa zu bewegten Bildern einschlafen würde, wenn ich jeden Tag eine neue Begegnung wagen würde, wenn ich vorwärts schauen würde, statt zurück? Die Skizze eines anderen Alltags, der Blick in eine andere Richtung, eine Perspektivverschiebung.
Fasten kann bedeuten, Gott gegenüber eine fragende Haltung einzunehmen und zu hören, was er zu sagen hat. So liegt im Verzicht der Fastenzeit die Erinnerung daran, dass wir es nicht immer allein und selber am besten wissen, was gut für uns ist. Probehalber etwas anders zu machen – auch wenn es schwer fällt – kann die Entdeckung mit sich bringen, dass es anders besser sein könnte. Eine Weile das zu vermeiden, womit wir sonst viel Zeit verbringen und uns besonders im Wege stehen, setzt Kräfte frei und verleiht Flügel.
Foto: Frauke Thielking
Von der Freiheit eines Fastenmenschen
Als in den ersten Jahrhunderten nach Christus langsam die Kirche entstand, pulsierte das Christenleben übers Jahr im Rhythmus von Tagen und Wochen des Fastens. Genuss von gutem Essen und Musik, der Spaß an Spiel, Tanz und am Feiern war nur erlaubt nach Fristen und Geboten.
So ging es mehr und mehr darum, beim Fasten nur nichts falsch zu machen. Und andersherum betrachtet: mit regelmäßiger Askese Gott zu gefallen – oder dem Papst, dem Pfarrer oder auch dem Nachbarn. Enthaltsamkeit schien vor allem im Mittelalter ein probates Mittel, den Himmel milde zu stimmen. Dafür ernährte man sich mitunter nur vom Abendmahlsbrot.
In der evangelischen Kirche gibt es keine festen Fastenregeln mehr. Martin Luther hat aufgeräumt mit der Vorstellung, dass uns Enthaltsamkeit als „gutes Werk“ vor der Hölle bewahre. Gefastet hat er selber wohl, doch nicht aus Pflichtgefühl. Wer seither in der Fastenzeit etwas ändert in seinem Alltag, tut dies aus freien Stücken. Wir müssen dabei nicht mehr auf Himmel und Hölle schielen, sondern sollten den Blick öffnen.
Foto: Patrick Runte
Weiter Horizont
Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt zur Seite und es zeigt sich auf einmal etwas anderes, Unerwartetes, lange Übersehenes. Wenn das gelingt, dann lassen wir bekanntes und umrissenes Gelände hinter uns und fasten auf einen ständig weiter werdenden Horizont hin. Wenn es gelingt, dann finden wir danach den Weg in die Gewohnheit gar nicht wieder zurück – und gehen einen neuen.